Regensburg

Nun haben sie also den Zaun gesehen. Unter dem tiefhängenden Regenhimmel standen sie im lehmigen Matsch, und ihre Gesichter waren ernst. Sie erfuhren von Leuten der Schwandorfer Bürgerinitiative, warum die Menschen in der Oberpfalz so verbittert sind: Weil sie durch „überzogene Polizeieinsätze“ und tausendfache Anklagen vor Gericht „kriminalisiert werden“, weil schon Abertausende von Bäumen gerodet wurden im Taxöldener Forst und weil einfach eine große Angst umgeht vor der WAA, der Wiederaufarbeitungsanlage bei Wackersdorf.

Unter den Besuchern waren welche, die Blumen mitgebracht haben. Als sie die Stengel ins stählerne Gitterwerk des grünen Bauzauns flechten, kam Bewegung ins Kamerateam des Bayerischen Fernsehens. So einen Schuß mußte man einfach haben, nicht wahr, schließlich ging es ja um eine ganze Menge prominenter Leute:

Es waren Mitglieder der Initiative „Klassische Musiker gegen die WAA“, und sie waren in die Oberpfalz wegen eines Konzerts gekommen, das es in dieser Besetzung wirklich noch nicht gegeben hat. Sie haben sich Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ ausgesucht, das – so glauben sie – wie kein anderes Werk die Schönheiten der Welt besingt und vor deren Zerstörung warnt.

Ein stilles Konzert sollte es werden, ohne politische Paukenschläge, vielleicht davon abgesehen, daß es den Regierenden in München schon ein wenig zusetzen könnte, ausgerechnet klassische Musiker von Rang und Namen gegen die WAA spielen zu sehen, weil – so hat es einer der Mitwirkenden formuliert – „man den Protest aus dieser Ecke einfach nicht erwartet“. Dennoch hatte es Unruhe um dieses friedfertige „klassische Konzert gegen die WAA“ gegeben, was damit zu tun hatte, daß der Freistaat mal wieder alle Mühe hatte, sich liberal zu geben.

Die Geschichte ist zwar etwas verwirrend, aber dennoch schnell erzählt: Thomas Rietschel, Geschäftsführer eines Kammerorchesters und „als Privatmann“ Organisator des Anti-WAA-Konzerts, schloß mit der Regensburger Universität einen Mietvertrag für das Auditorium maximum ab. Vier Tage vor dem Konzert aber fühlte sich die Uni „arglistig getäuscht“, weil sie gedacht hatte, das Kammerorchester und nicht Rietschel selbst sei der Mieter. Nebenbei entdeckte zuvor der zuständige Sachbearbeiter bei einem Spaziergang durch Regensburg auch noch das Plakat, das für die „Schöpfung“ warb und erkannte darauf die „Initiative klassischer Musiker gegen die WAA“ als Veranstalter.

Hintergangen fühlte sich zufällig zur gleichen Zeit auch das bayerische Kultusministerium, weil ihm „der politische Charakter der Veranstaltung“ verheimlicht worden sei. Der bereits unterzeichnete Mietvertrag wurde zurückgezogen und als nichtig erklärt. Da half es den Musikern nichts, als sie beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung beantragten. Die Richter – zuerst jene beim Amtsgericht, dann, in der Beschwerdeinstanz, die des Landgerichts Regensburg – gaben Universität und Kultusministerium recht.