Vor einem Jahr, am 13. November 1985, versank die kolumbianische Stadt Armero unter einer Schlammschicht Ein Vulkan war ausgebrochen und begrub unter sich 22 000 Menschen. Tausende wurden obdachlos.Wühlen im getrockneten Schlamm

von Wolfgang Kunath

Die Überlebenden der Naturkatastrophe werden vergessen

Von Wolfgang Kunath

Gekachelte Wandsockel, verbogene Eisenrohre, abgerissene Starkstromkabel ragen aus dem sandigen Boden in die graue Mondlandschaft, die sich Hunderte von Metern weit beiderseits des Rio Lagunillas erstreckt. Die riesigen Baumstämme, die beim Rutsch zu Tal ihre Rinde verloren haben und jetzt von der Sonne grau gebleicht sind, verstärken noch den Eindruck von Wüste. Man vermag es sich kaum vorzustellen: Bis vor einem Jahr stand hier Armero, eine von Obst- und Gemüseanbau lebende, relativ reiche kolumbianische Stadt.

Armero starb im Verlauf einer Nacht. Was in den späten Abendstunden des dreizehnten und in den frühen Morgenstunden des vierzehnten November 1985 geschah, kam nicht ganz unerwartet. Jedermann unter den 30 000 Einwohnern Armeros wußte, daß der 5270 Meter hohe Nevado del Ruiz seit Monaten wieder aktiv war. Die Erde hatte Hunderte von Malen gebebt, es hatte Asche geregnet, und der Geruch von Schwefel lag in der Luft. Jedermann hatte davon gehört, daß weiter oben die Kartoffelernte gefährdet war, die Milch nicht mehr schmeckte und das Vieh zu kränkeln begann. Seismologen und Vulkanologen hatten düstere Prognosen gestellt, eine unentschlossene Bürokratie hatte gar Evakuierungen in Erwägung gezogen – an Vorzeichen hatte es der Berg nicht fehlen lassen.

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Reste des Lebens

In Armero jedoch hatte man sich an das Ungewohnte gewöhnt. Der „schlafende Löwe“, wie man den Nevado del Ruiz in der Gegend nannte, hatte sich schon zu oft geregt, als daß man an sein Erwachen noch ernsthaft hätte glauben mögen, und so hielten sich denn die Menschen in Armero ein Taschentuch gegen den Schwefelgestank und den Ascheregen vor den Mund, wie die Behörden empfohlen hatten, und gingen am Abend des 13. November 1985 zu Bett – wie gewohnt.

24 Stunden später hatten die Nachrichtensatelliten die Bilder von der furchtbarsten Naturkatastrophe der jüngsten Vergangenheit in die Welt gefunkt. Die Eruption des seit 500 000 Jahren aktiven Berges hatte die Schneekappe seines fast immer wolkenverhangenen Gipfels zum Schmelzen gebracht, und die Wassermassen hatten eine Lawine aus Erdreich, Geröll und Felsbrocken gelöst, die in Minutenschnelle die Stadt vernichtete. 85 Milliarden Kubikmeter Schlamm ergossen sich über 32 Quadratkilometer. 22 000 Menschen wurden von der Sintflut ertränkt und erschlagen.

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