Wenn es Nacht wurde in Paris, dann erwachte der Blues. François Truffaut schoß auf den Pianisten. Belmondo und Jean Seberg jagten über die Champs-Elysées, und Martial Solals schräg schwingendes Piano gab den Rhythmus an: „Außer Atem“. Ein paar Straßen weiter stöckelte Jeanne Moreau durch die nasse Nacht, dirigiert von Louis Malle, aber angetrieben von Miles Davis’ eiskalten Trompetenphrasen. Nicht nur die französischen Filmer entdeckten in den späten fünfziger Jahren ihre Leidenschaft für den Jazz. Die Herzen der jungen Pariser pochten synkopisch, im Bebop-, Hardbop- oder Cool-Jazz-Rhythmus. Frankreichs Hauptstadt war damals auch eine Metropole des Jazz. Verschworene Kenner trafen sich im „Blue Note“, dem berühmten Jazzkeller, wo die schwarzen Musiker aus Afrika, die Erfinder des neuen Jazz, den Ton angaben. Von jener Zeit, jenen Schauplätzen, vor allem aber von jener Musik handelt Bertrand Taverniers „Round Midnight“. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, dennoch hat Tavernier weder einen Kostümfilm noch ein Historienspektakel gedreht.

„Round Midnight“ beginnt, wo Martin Scorseses „New York, New York“ aufhört: im Regen. Scorsese erzählte, wie der Bebop erfunden wurde in den Nachkriegsjahren, wie seine Pioniere hart kämpften um Anerkennung und ums Einkommen, und daß sie meist die Verlierer waren.

Taverniers Film spielt im Jahre 1959. Der Bebop ist 15 Jahre alt und klingt noch immer neu, aufregend, revolutionär. Seine Genies hausen noch immer in elenden Bruchbuden, werden noch immer aufs Kreuz gelegt von Managern und Produzenten. Für die Mehrheit der Amerikaner sind sie schäbige Nigger, nur eine Minderheit kennt und verehrt sie als begnadete Künstler.

Als die Schwarzen Charlie Parker, Miles Davis, Thelonious Monk, John Coltrane den Jazz revolutionierten, konnte Hollywood sich gerade durchringen zu Filmen über Benny Goodman und Glen Miller: weiße Musiker, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hatten. Bertrand Tavernier, der Franzose, wollte dem populären Genre „Biographien großer Künstler“ kein weiteres Werk widmen. Der Held seines Films, der Tenorsaxophonist Dale Turner, hat nie gelebt. Tavernier hat ihn erfunden und sich dabei anregen lassen von den Biographien Bud Powells, Lester Youngs, Charlie Parkers, John Coltranes: Sie alle starben zu früh, und keiner hinterließ Reichtümer.

Die Hauptrolle spielt Dexter Gordon, der Tenorsaxophonist. „Spielen“ ist eigentlich nicht ganz exakt, denn für den Film mußte er nur den Namen ändern. Ins Saxophon bläst er, wie das eben nur Dexter Gordon kann; auch seine Trinkgewohnheiten, seine tapsigen Bewegungen und seinen nuschelnden Slang hat er beibehalten. Schon weil Dexter Gordon so präsent ist, erzählt „Round Midnight“ nicht nur von der Vergangenheit.

Aus dem New Yorker Getto ist Dale Turner nach Paris geflohen. Im „Blue Note“ feiern ihn die Pariser Fans. Im Hotelzimmer aber leidet er höllische Qualen. Seine Aufpasserin, die hartherzige Lady Buttercup, hat ihm eine radikale Entziehungskur verordnet. Dale Turner aber ist am Blues erkrankt und kennt außer Schnaps kein Heilmittel. Auch der Zeichner Francis hat den Blues: Die Frau ist ihm durchgebrannt, die Tochter ist quengelig, die Wohnung zu eng, die Arbeit schlecht bezahlt. Francis heilt den Blues mit Dale Turners Musik. Jede Nacht hockt er vor der Kellerluke, lauscht den Klängen, die aus dem „Blue Note“ auf die Straße dringen. Eines Nachts wankt sein Idol aus dem Lokal, spricht Francis an, fragt, ob er ein Bier spendieren könne: So beginnt die Romanze. Francis’ Leidenschaft ist so heftig, daß er für Dale Turner sein Leben umkrempelt: Er sucht eine größere Wohnung, nimmt Turner bei sich auf, versucht mit Geduld und Verständnis, Turners Trunksucht zu kurieren.

„Round Midnight“ erzählt eine unordentliche Liebesgeschichte: Francis liebt zärtlich Dale Turner, Dale liebt heftig sein Saxophon. Und das Saxophon verführt jeden Zuhörer, im „Blue Note“ und im Kinosaal. Wer sich hingibt, verliert schnell den Boden unter den Füßen,