Merkwürdig, daß man unentwegt dieselben ragen stellen muß: Wo geht’s lang? Rechts herum? Links herum? Wo ist der Anfang? Und der Schluß? Dumme Fragen, weil das „ganz egal“ sei? Trotzdem: Warum scheuen sich Museen so beharrlich, Pfeile anzubringen? Ist es intellektueller Hochmut, der die Banalität des angeblich Selbstverständlichen scheut? Oder ist es die Verteidigung schwammiger Freiheitsgefühle, für die schon jeder Wegweiser eine Bevormundung darstellt?

Ich frage ja nicht nur, weil man so schrecklich viel Zeit damit verliert, den Faden zu finden und die Lust. Viel schlimmer ist, daß einem die Ordnungsidee der Ausstellungsmacher verheimlicht und so getan wird, als wären deren Gedanken völlig gleichgültig. Und ärgerlich ist auch die Frage nach dem Adressaten, weil oft unklar bleibt, für wen Ausstellungen überhaupt gemacht werden. Sie wird einfach ignoriert – vielleicht, weil die Museumspädagogen sich zwar an die Besucher, nicht aber an die Ausstellungsarrangeure wenden dürfen. In Berlin, das gerade mit zwei Ausstellungen den hundertsten Geburtstag des Architekten Ludwig Mies van der Rohe nachfeiert, findet man zwei gegensätzliche Beispiele.

Da ist erstens „Der vorbildliche Architekt – Mies van der Rohes Architekturunterricht 1930 bis 1958 am Bauhaus und in Chicago“, eine Ausstellung vom IIT, dem Illinois Institute of Technology in Chicago, nun vorgeführt im Bauhaus-Archiv. Welch spannendes Thema: Praxis und Folgen einer Lehre. Welch trockene Vorführung. Hätte die Technische Universität sich dessen angenommen, brauchte man darüber kein Wort zu verlieren. Im Bauhaus-Archiv jedoch, einem der Allgemeinheit dienenden Vermittlungsinstitut, wirken die Mängel doppelt: Eine Versammlung von Entwürfen, die Mies-Schüler so gezeichnet haben, als hätte sie Mies gezeichnet. Bis auf einen kargen, den Lehrer Mies zitierenden Eingangstext gibt es kein Wort weiter, keine Erläuterung: nichts über die Eigenart von Aufgaben, ihre Lösungen, die Bedeutung von Korrekturen durch den Meister Mies, über die überwältigende Präzision all dieser Ausarbeitungen, erst recht kein Wort über gute und schlechte Erfahrungen von Studenten, geschweige ein kritischer Einwand. Und wie selbstverständlich kommt in dem sonst so interessanten Katalog auch nicht ein Mies-Renegat zu Wort, um den Staub der Crown Hall, des Architekten-Domizils im IIT, aufzuwirbeln.

Nicht zuletzt dies, die (Mies-)Revolte der Postmodernen, hat bei aller Bewunderung für den epochemachenden Architekten das Museum of Modern Art in New York beschäftigt, dessen Mies-Ausstellung nur zehn Minuten vom Bauhaus-Archiv entfernt in der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird: Musterbeispiel einer intelligenten „Publikums-Ausstellung“, deren Mängel erst dem Berliner Veranstalter anzukreiden sind. Er bildet mit den herabhängenden großen Tafeln zwar einen Mies huldigenden „offenen Grundriß“, aber er läßt die Besucher darin sich mühsam selber zurechtfinden; er übernahm einfach, was aus New York kam, und unterließ es, in Berlin den Berliner Mies hinzuzufügen: Nicht einmal das Haus des Philosophen Riehl, Mies van der Rohes erstes Bauwerk – wie konnte man es hier auslassen!

Diese im Ursprung so wohlgeratene Ausstellung teilt sich in großen Reproduktionen sowie in Staunen erregenden Originalzeichnungen und Modellen mit; sie informiert mit knappen, meisterlich formulierten, verblüffend inhaltsreichen Texten. Mehr: Es sind überhaupt erst diese Erläuterungen, die das Werk des Berühmten den Besuchern eröffnen. Zwar wird auf die aufregenden Neuerungen des Architekten hingewiesen, aber auch auf die Ideen, die „einer so uferlosen Wiederholung nicht gewachsen waren“ – durch all die mäßigen Talente, durch all die Schüler, die, ihre Persönlichkeit verleugnend, allesamt so zeichneten und so entwarfen, wie es ihr Lehrer von ihnen verlangt hatte, lauter Mini-Miese, furchterregend in ihrer Anpassungsbereitschaft. Hat denn aber nicht auch dies das Bild der Städte aller Kontinente mit verdorben? Und hätte dies nicht drüben, im Bauhaus-Archiv, einen Gedanken verdient, dort wo man den Lehrer Mies feiert. Für wen also derlei Ausstellungen? Denn der Schluß, der sich aus all dem ziehen läßt, heißt: Besucher stören nur. Manfred Sack