ARD, Montag, 17. November: „Der Krieg meines Vaters“, Film von Nico Hofmann.

Als man im Herbst 1983 in der Bundesrepublik über Nachrüstung debattierte, beschloß der junge Filmemacher Nico Hofmann, sich den Krieg vorzustellen. Er bat seinen Vater um Erinnerungen und schrieb die Geschichte des siebzehnjährigen Hans Witte, der im Winter 1942 in den Krieg zieht.

Den Mut, die Neurose der Helden, hat er bis dahin überwunden. In den letzten Tagen vor der Einberufung findet er zur Angst als einer Art von Rebellion. Doch die Lemminge marschieren, und Hans Witte muß innen nach. Die Mutter, die am Anfang des Films schon ihren (inzwischen gefallenen) Mann zum Zug brachte, verabschiedet am Ende den Sohn: Letzte Umarmungen an einsamen Gleisanlagen in einem düsteren Land. So schwer wie diese Abschiede wiegt der ganze Film. Er versucht, sich zu den Menschen jener Kriegsgeneration vorzutasten und hält doch gleichzeitig die gebotene Distanz zu ihrer Geschichte. Im „Krieg meines Vaters“ besiegt das Mitgefühl nie den notwendigen Argwohn.

Die Familie, von der Hofmann berichtet, hat eine sozialdemokratische Tradition. Der gefallene Vater war kein Nazi, und die Mutter leistet passiven Widerstand. Sie weigert sich, die Propagandapresse zu lesen, schaltet sich aus den Radiosendungen aus und erzieht ihren Sohn zur Kritik. Im Kriegstagebuch des toten Vaters liest Hans, wie das von der Massenpsychose gepackte deutsche Kleinbürgertum auf den Schlachtfeldern wütet, findet er hilflose Klagen: „Alles bleibt auf der Strecke: das Denken, die Vernunft, die Gefühle ...“ Aber auch solchen Szenen kommt Hofmann nicht zu nahe. Es bleibt ein Kriegstagebuch, was dieser Vater schrieb, also etwas Unvorstellbares.

Daß diese Welt, an die Hofmann erinnert, etwas Hermetisches, etwas Abgeschlossenes hat, ist zugleich eine Hoffnung. Die Straße, in der Hans Witte lebt: unter einen dunklen Himmel geduckte Arbeiterhäuser. Von Vater ist ein schäbiger Pappkarton geblieben, darin seine Habseligkeiten. Die Kriegsbilder bewegen sich nicht mehr, werden durch Photos dokumentiert. Das alles überragende Symbol des Films handelt vom Frieden: Hans Witte züchtet Brieftauben. Aber während im Haus der Mutter die Uhr fast wütend tickt, nimmt die Gewalt auch in dieser Arbeitersiedlung ständig zu. Gewalt auch gegen Tauben: Schon werden die ersten von den Faschisten abgeschossen.

Am Ende zieht Hans Witte, vollkommen resigniert, in den Zweiten Weltkrieg. Eben noch sah man ihn fast ungläubig einem Jungvolk-Haufen nachblicken, der Dummheit der Gesänge nachlauschen. Sie wollen weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt. Witte will nicht. Trotzdem steht er am Bahnhof, von der Mutter umarmt. Dieser Abschied hat nichts Theatralisches. Helmut Schödel