Von Eva Marie von Münch

Welch Geistes Kind ein Volk ist, auf welcher Kulturstufe es steht, wie seine soziale Struktur aussieht, was seine Politik vorbereiten mag – steht phrasenbefreit in der Finanzgeschichte“, schreibt der Nationalökonom und Soziologe Joseph Alois Schumpeter gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Und er fährt fort: „Wer die Botschaft zu hören versteht, der hört da deutlicher als irgendwo den Donner der Weltgeschichte.“

Berühmte Sätze. Sätze auch, die neugierig machen, noch heute. Wer möchte denn nicht hinter die Kulisse von Worten blicken, die Politiker, Historiker und Ideologen vor uns aufrichten? Wer möchte nicht mit Schumpeter den Donner der Weltgeschichte hören, möglichst ohne phrasierende Begleitmusik, die das, worauf es wirklich ankommt, beschönigt oder verhüllt? Wer lernen will, zu sehen und zu hören, muß erst einmal lesen. Zum Beispiel das Buch

Mit dem Zehnten fing es an. Eine Kulturgeschichte der Steuer; herausgegeben von Uwe Schultz; C. H. Beck Verlag, München 1986; 294 S., 48,– DM.

Das Buch ist – anders als der Titel vermuten läßt – keine systematische Darstellung des Steuerrechts und seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung. Es ist vielmehr eine Sammlung von 21 Essays verschiedener Autoren, ursprünglich für den Hessischen Rundfunk geschrieben und dort vor zwei Jahren gesendet, jetzt versehen mit einem Vorwort des Herausgebers, einem Sachverzeichnis und recht ausführlichen Anmerkungen zur Literatur.

Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil: Man kann das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und stößt auf eine in sich abgeschlossene Darstellung des Steuersystems zu einer bestimmten Zeit. Ob griechische Antike oder Frankenreich, ob Byzanz oder Bauernkriege, ob Kreuzzüge oder Deutsches Kaiserreich, der Leser findet für den jeweils behandelten Zeitraum eine Fülle von Details, dargestellt in einem kurzen, leicht überschaubaren Kapitel.

Oft sind die Auswirkungen der Steuergesetzgebung auf die kulturelle Entwicklung amüsant. Wer weiß denn schon, daß die merkwürdige Bauweise vieler französischer Häuser, deren Bewohner im wesentlichen zum Garten hin lebten, keineswegs mit dem Klima begründet werden kann? Die Tür- und Fenstersteuer der Franzosen ist der Grund. Weil das System so einfach zu praktizieren war – der Steuerprüfer brauchte nur die Zahl der Fenster und Türen zu zählen, die zur Straße hinausgingen –, hielt der französische Staat bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein daran fest. Und Frankreichs Bürger bauten ihre Fenster lieber zur Gartenseite hin – um Steuern zu sparen.