Von Benedikt Erenz

Auch nachts ist die Berliner Putlitzbrücke, die über Schienenstränge und einen Teil des Westhafengeländes hinweg das nördliche Moabit mit dem südlichen Wedding verbindet, kein Ort zum Verweilen. Der Fußgänger geht hier allein neben einer sechsspurigen Fahrbahn in dröhnendem Autokrach und Gestank. Er geht an zwei liegengelassenen VW-Wracks vorbei und beschleunigt den Schritt. Wenn die Autowelle für einen Augenblick verebbt, hört er aus der Ferne das leise Dröhnen eines Kraftwerks und ein undefinierbares Gekrächze vom Westhafen herüber. Dann bleibt er vielleicht einen Augenblick stehen und schaut hinunter auf das Schienengeflecht unter sich, matt erhellt nur vom schimmeligen Licht der Brückenleuchten. Er sieht Unkraut und Papier, leere Büchsen, Fetzen Müll. Einige Gleise wirken heller, sie scheinen noch befahren zu werden. Er folgt ihnen mit dem Blick in Richtung Westen zum Güterbahnhof Moabit. Hier heben zwei, drei Reihen hoher Leuchten die Dunkelheit ein wenig an, zeigen ein paar Schuppen, kleine Gebäude, einige Fenster erhellt, das Stellwerk wahrscheinlich. Signale leuchten, vielleicht erwartet man noch einen Zug, die alte S-Bahn allerdings fährt hier längst nicht mehr. Der Fußgänger auf der Brücke erkennt ein paar Güterwaggons, ganz am Rand, auf einem Abstellgleis. Und eine Rampe.

„After great pain, a formal feeling comes“, schreibt die amerikanische Dichterin Emily Dickinson 1862, ein Satz, der schwer zu übersetzen ist. 750 Jahre sind kein Grund zu feiern, aber wenn Berlin so tut, als sei dies ein Jubiläum, ein Moment der Zäsur, dann hat das mehr mit den vergangenen vierzig als mit den restlichen siebenhundertzehn Jahren zu tun: Die Erstarrung, die einem großen Schmerz folgt, hat sich ein wenig gelöst, und man hält einen Moment ein in dem besinnungslosen Weitermachen, mit dem man zunächst auf den tödlichen Schock reagiert hatte. Langsam, ganz langsam weicht die Amnesie, kehrt das Gedächtnis zurück, erwacht die Stadt aus ihrem hektischen Koma und beginnt sich zu erinnern.

Dort, wo man eben noch daran gegangen war, die letzten ausgebrannten Ruinen niederzureißen, wie die des alten Kunstgewerbemuseums, entdeckt man plötzlich einen „Gropius-Bau“; und dort, wo man eben noch eine Schnellstraße, irgendeine Nordnordwestsüdsüdost-Tangente durchschlagen wollte, steht man mit einem Mal auf historischem Boden, auf historischem Boden besonderer Art. Und der Besucher, vor einer leeren Fläche irgendwo in Berlin, hat plötzlich einen alten Stadtplan in der Hand und fragt nicht mehr: „Was soll da hin?“ sondern: „Was war da mal?“

Was sind das da für Adressen auf den Briefköpfen: An den Reichsführer SS, an den Präsidenten des Volksgerichtshofes ... Bellevuestraße 15, Prinz-Albrecht-Straße 8, Kurfürstenstraße 116, Am Großen Wannsee 56/58 .. .? Berlin erinnert sich, Adressen tauchen wieder auf, Fassaden, Toreinfahrten, schreckliche Erinnerungen. Nach vierzigjährigem Vergessen ist auf einmal alles wieder da, die „ganze Geschichte“.

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Die ganze Geschichte: das ist zum Beispiel eine Fläche lehmig-sandiger Erde, graubraune sechs Hektar zwischen der grell vermalten Mauer mit Görings „Reichsluftfahrtministerium“ dahinter (heute „Haus der Ministerien“ der DDR) und dem „Europahaus“, der Wilhelmstraße und dem neu lackierten „Gropius-Bau“. Ein Stück Brachland, zwei wüste Schuttberge, Reste eines verwilderten Robinien-Hains, darin man noch die Reste eines „Autodroms“ erkennt („Fahren ohne Führerschein“, in schrottreifen Autos, fünfzig Mark die halbe Stunde).