Amerikanische Gesetze verbieten Börsengeschäfte dann, wenn sie den privilegierten Zugang zu vertraulichen Informationen nutzen, etwa über besondere Gewinn- und Verlustentwicklungen in an der Börse gehandelten Firmen oder geplanten Firmenübernahmen.

Beispiel: A. ist Aufsichtsratsmitglied der Ölfirma B. Er erfährt als Aufsichtsratsmitglied: Die Firma B. hat eine erfolgreiche Ölbohrung niedergebracht; die Kurse werden also in den nächsten Tagen steigen. Schnell kauft er B-Aktien. Er kann sie nach wenigen Tagen mit Gewinn verkaufen, wenn die Öffentlichkeit von der Bohrung erfährt. – A. droht hohe Geld- und Freiheitsstrafe. Solche Indiskretionen (Insider informations) waren in den letzten Jahren in USA häufig und haben viele unerlaubte Gewinne eingebracht, vor allem bei Firmenübernahmen. Wenn sich eine Firma entschloß, eine andere Firma zu kaufen (durch Aktienkauf an der Börse), dann würden die Aktien der zu kaufenden Firma schnell steigen. Wer früh, früher als das Publikum, von dem Übernahmeplan weiß, kann leicht, schnell und ohne Risiko Geld verdienen. Das ist eine große Versuchung. Viele Börsianer sind ihr erlegen. Beispiel: A. ist im Vorstand eines Unternehmens, das solche Machtkämpfe finanziert. Also weiß A. (durchaus vertraulich) von mehreren oder gar vielen geplanten Übernahmen. Er gibt seine Kenntnisse (gewiß gegen hohe Belohnung) an Mr. Boesky (wie geschehen). Der kauft an der noch schlafenden Börse Aktien der zur Übernahme vorgesehenen Firmen und verdient sich dick und dumm, ohne Risiko. Nun aber erfährt durch einen Zufall die SEC, daß A. solche Tips vergeben haben könnte, prüft die Börsenumsätze der in Frage kommenden Papiere, verschafft sich Korrespondenzen, lädt A. vor, droht ihm mit der Härte des Gesetzes. A. (und sein Anwalt) finden: ihre Sache steht schlecht. Die SEC lockt mit einem Vorschlag: Milde Strafe bei Geständnis und gegen Zusage der Mitarbeit, der Überführung von weiteren Tätern.

A. gerät in eine solche Klemme und kapituliert vor der SEC. Er wird so niedrig bestraft, daß „die Börse“ vermutet, er hat mit der SEC „kooperiert“. Das Opfer: eben der Börsenhändler Ivan F. Boesky; der gab zu, er habe von A. solche Tips bekommen. Darauf mußte Boesky der SEC den ganzen Gewinn von fünfzig Millionen Dollar herausrücken und dazu fünfzig Millionen Dollar Buße zahlen. In Wallstreet hielt man auch diese Strafe angesichts der Größe des Gewinns für niedrig, vermutete also, B. habe nun auch seinerseits mit der SEC „kooperiert“. Das Börsengerücht behauptete, Boesky habe sogar der SEC erlaubt, seine Telephongespräche mit einschlägigen Geschäftspartnern anzuhören. Mit verborgener Kamera (!) seien Verhandlungen gefilmt worden. Viele Prozesse gegen Nachfolgetäter stünden an.

Stimmt das alles, dann ist da ein Ring aufgeschlagen worden, der das kleine amerikanische Börsenpublikum ausgeplündert hat. Die Mittäter wurden durch Verrat und Zusicherung mäßiger Strafe überführt. Versteckte Kameras und heimlich mitgehörte Gespräche als Beweismittel?

Ähnlich wurde gerade in New York ein Mafia-Ring zerstört: die Häupter bekamen lebenslänglich Haft. Einer der ihren hatte mit einer Wanze versteckt im Brusthaar Gespräche aufgenommen und mit einem Sender, verborgen in der Po-Falte, für Weitergabe der Gespräche gesorgt. Es steht fest: ohne diese Methoden hätte der Mafia-Ring seine Arbeit fortsetzen können. Gutes Ergebnis mit anfechtbaren Methoden.

Rechtfertigen Terroristenmorde ähnliches in der Bundesrepublik? Ein Unterschied: den geldgierigen Boesky konnte man mit geringer Geldbuße und Haftverschonung zum Verrat reizen. Terroristen wollen den Mord und nehmen dabei den Tod in Kauf. Natürlich sind sie verwerflich. Aber nicht so verwerflich wie die Leute, die an der Börse den kleinen Mann um sein Geld bringen. Ich habe also Zweifel. Bestürzt macht mich freilich, daß die Gegner der „Kronzeugen“-Regelung die Andersdenkenden nicht kritisieren, sondern moralisch zu verdammen suchen. Unduldsamkeit ist ein Zeichen unserer Tage geworden. Aus der Anhörung im Bundestag haben wir von Juristen böse Töne gehört.