Berlin

Dort, wo die Spree einen großen Bogen macht, steht ein gläserner Rundbau, hell und freundlich – das Schmuckstück der Technischen Universität Berlin. Die 400 Wissenschaftler, die dort arbeiten, gelten als besonders tüchtig. Sie stehen im Dienste eines Doppelinstituts – des im Neubau vereinten TU-Instituts für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik und des Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik der Fraunhofer-Gesellschaft. Daß sich zur großen Einweihungsfeier dieses neuen Produktionstechnischen Zentrums der Bundespräsident und viel andere Prominenz angemeldet hatte, wäre ein Grund zur ungetrübten Freude gewesen, wenn sich nicht eine Unzahl ziviler und uniformierter Polizisten unter die Menge hätte mischen müssen. Aus Sicherheitsgründen. Ein paar Tage zuvor waren auf dem Grundstück des Institutsleiters Professor Günter Spur im Grunewald zwei Brandsätze explodiert.

Der eine Brandsatz hatte den Dienstwagen des Professors in Flammen gesetzt, auch das Auto seines Sohnes wurde beschädigt. Der andere hatte die Fenster des Wintergartens zertrümmert. Im Garten fand Spur Flugblätter, in denen sich die Täter als „Militante AKW-Gegner“ zu erkennen gaben und mit weiteren Anschlägen drohten.

Dem 58jährigen Ingenieurwissenschaftler, der verwundert zur Kenntnis nahm, daß er „am gleichen Tag für die gleiche Arbeit eine Ehrendoktorwürde der DDR und eine Bombe in Berlin bekam“, warfen die Unterzeichner vor, als Aufsichtsratsmitglied in der Kraftwerksunion „direkt für die Atommafia“ tätig zu sein. Gleichzeitig kreideten sie dem international bekannten Hochschullehrer seine Arbeit als Leiter des genannten Doppelinstituts an. Er fördere die in der ganzen Welt voranschreitende Automatisierung in den Fabrikhallen durch computergesteuerte Maschinen und Industrieroboter. In dem Schreiben wurde schließlich auch jene junge Protestgruppe erwähnt, die vor drei Jahren in die ehemaligen Räume des Fraunhofer-Instituts am Tauentzien eingedrungen war und unter anderem Rechner zerstört hatte.

Seit den Verwüstungen in den alten Räumen des Fraunhofer-Instituts hatte es immer wieder Drohungen gegeben, auch am Neubau war bereits ein Sprengsatz gezündet worden – doch, daß „auch die private Sphäre davon betroffen würde“, hatte sich der Wissenschaftler bisher nicht vorstellen können.

Der Institutsleiter räumt ohne weiteres ein, daß Produktionstechniker im Auftrag der Wirtschaft forschen, dies treffe auch auf sein Institut zu. Der Etat des Fraunhofer-Instituts werde zu 81 Prozent aus Aufträgen für das Bonner Forschungsministerium und der Wirtschaft bestritten. Das Budget des TU-Instituts bestehe zu 60 Prozent aus Drittmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der VW-Stiftung.

Den Vorwurf seiner Gegner, er sei dafür verantwortlich, daß in den Fabrikhallen der Zukunft kaum noch Menschen an den Maschinen ständen, hält Spur für ungerecht. In Berlin jedenfalls habe er mehr hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen als jeder Unternehmer. Nicht nur an seinem Doppelinstitut. Von dort hätten ehemalige Assistenten neue Firmen gegründet, er selber habe mit großen deutschen Automobilfabriken Tochterfirmen eingerichtet. Ungefähr 800 Ingenieure arbeiteten so an produktionstechnischen Projekten. Wenn in Berlin heute die „differenzierte intelligente Technik zu Hause sei“, rechne er sich das auch als sein Verdienst an. Seinen Kritikern hält der Produktionstechniker vor, „ein emotionales Verhältnis zur Fabrik des vorigen Jahrhunderts“ zu haben, deren unhaltbare Zustände aber außer acht zu lassen. Dorothea Hilgenberg