Von den Schwierigkeiten, heute Verantwortung für die Gesellschaft auszuüben, und vom recht verstandenen Beruf des Politikers Hans Maier: Politik ist Handeln im Ungewissen

Bürger, res publica, Verantwortung – das sind Begriffe mit unscharfen Rändern. Gleichwohl ist ihr innerer Zusammenhang erkennbar. Der Begriff des Bürgers – ein gemeineuropäischer Begriff – kommt vom antiken Stadtstaat her. Der Bürger, das ist einer, der Verantwortung für die bürgerlichen, die öffentlichen Angelegenheiten übernimmt, der bereit ist, für etwas Allgemeines zu handeln, für etwas, das man Bürgergemeinde, Bürgerschaft nennt.

Gefüge öffentlicher Verantwortung haben sich historisch aus drei Traditionen gebildet: einer griechisch-römischen, einer christlichen, einer neuzeitlichen. Thesenhaft gesprochen: Die Antike entwickelte den Gedanken bürgerlicher Hingabe an den Staat. Das Christentum machte politisches Handeln rechenschaftspflichtig vor Gott und dem Gewissen. Die Moderne zergliederte die Macht und schuf kontrollierbare Verantwortungsbereiche. Alle heutigen Verantwortungssysteme, alle Formen von responsible government sind komplexe Verbindungen dieser Traditionselemente.

Was heißt also Bürger-Sein? Nun, in erster Linie Teilnahme am Regieren, Hingabe an den Staat, Identifikation mit der Polis. Solche Identifikation kann der Bürger mit seiner Polis in ewigem Ruhm verbinden; sie kann ihn ebenso ins Vergessen, in den Untergang schleudern. Der bios politikos, das bürgerliche Leben, wie es hier verstanden wird, zieht sein Pathos aus der radikalen Ent-Individualisierung: Nicht zufällig ist der Widerpart des polites der idiotes, der in die idia, das Private, Lokale, Partikuläre, Stammesmäßige verfangen ist.

Ist Bürger im antiken Sinne also einer, der die Sache des Staates bedingungslos zu seiner eigenen macht (und dafür im günstigen Fall Ruhm gewinnt und in der Bürgerschaft fortlebt), so kehrt das Christentum die Akzente um: Es entrückt das Bürgerrecht in den Himmel, es macht die Menschen zu Fremdlingen, Pilgern auf Erden und begründet damit den bis heute vorherrschenden Dualismus von christlicher und bürgerlicher Existenz. Jetzt werden die einfachen Formen politischer Identifikation brüchig: Am Beispiel des Ruhmes enthüllt Augustin die Selbstbezogenheit, die latente Verantwortungs-Unfähigkeit der antiken politischen Kultur.

Verantwortung wird jetzt neu und strenger gefaßt: Wie der Mensch über sein ganzes Leben Rechenschaft ablegen muß vor dem ewigen Richter, so wird jetzt auch der politische Bereich zum Raum persönlicher Verantwortung; jeder Schritt muß bedacht, jede Handlung überlegt und abgewogen werden. In den Fürstenspiegeln entwickeln sich Formen einer religiös-pädagogischen Ethik. In der Neuzeit macht der Katholizismus die Herrscher rechenschaftspflichtig gegenüber Kirche, Priestertum, Gewissen – in dieser Reihenfolge. Im Protestantismus sind die institutionellen Gewichte schwächer, die inneren Gewissensinstanzen aber bestehen fort – von der bewußt kirchlichen Politik evangelischer „Betefürsten“ bis zum individualistischen Umgang Bismarcks mit den Losungen der Brüdergemeinde.

Aber den entscheidenden Schritt zur Organisation von Verantwortlichkeit tut erst der moderne Verfassungsstaat. Er macht deutlich, wer sich zu verantworten hat, in welchen zeitlichen Abständen, vor welchen Instanzen, mit welchen Verfahren der Bestätigung oder Verwerfung. Vor allem: Er zerlegt die Machtausübung und macht sie dadurch der Übersicht und Kontrolle zugänglich. Die Verantwortlichkeiten dehnen sich in der modernen Demokratie auf die ganze Breite des Staatslebens aus; responsible government heißt, daß die Herrschenden insgesamt den Beherrschten verantwortlich sind.