Von Rüdiger Krohn

Ein Schreibfehler, na und? Was da alltäglich aus den Fernschreibern der Nachrichtenagenturen tickert, ist voll von Flüchtigkeiten und Versehen. Niemand mußte sich deshalb orthographische Gedanken machen, als am 29. Oktober um 12 Uhr 37 bei den deutschen Redaktionen eine AP-Meldung einging, die von einem „sensationellen“ Fund im Münchner Staatsarchiv berichtete: Neue Strophen des mittelalterlichen Nibelungenliedes seien entdeckt worden, die die Geschichte von Siegfrieds Tod und dem schreckensvollen Untergang der Burgunden „nicht ganz so blutig erscheinen lassen wie die bisher bekannten Strophen“.

Und da folgt sie dann, die verräterische, wenngleich verständliche Fehlleistung der AP-Korrespondentin, die sich durch das entsetzliche Gemetzel beim Hunnenkönig Etzel unversehens zu der Prägung „Nibelungensade“ verleiten läßt. Ein Schreibfehler, wie gesagt – aber auch: wie gedacht. Denn in der Tat, an sadistischen Elementen fehlt es in dem alten Heldenepos durchaus nicht, und auch in den Fragmenten, auf die der Münchner Archivar Gerhard Schwertl durch glücklichen Zufall stieß, geht es immer noch reichlich grausam zu. Da versetzt etwa der wackere Dankwart dem allzu kecken Herrn Blödel mit dem Schwert „einen swinden slac daz im daz houpt schiere vor den fuzzen lac“ feinen so raschen Schlag, daß ihm der Kopf sogleich vor die Füße rollte), und sarkastisch kommentiert der Sieger seine Tat: „daz sei dein morgengabe sprach Danchwart der degen“.

Wer an solchen und ähnlichen Stellen die Lust an der rohen Gewalt, am genüßlichen „Grand Guignol“ nicht herausliest, der versteht auch nicht die schauerlichen Töne des blutrünstigen Chauvinismus, die die Rezeption des Nibelungenliedes im 19. und 20. Jahrhundert begleitet und das Werk bis heute in ein bedenkliches Zwielicht gerückt haben.

Das aufgefundene Münchner Bruchstück fügt sich durchaus in die grausige Tendenz des Werkes, auch wenn eines der entdeckten Pergament-Schnipsel eine gewisse Neigung zu mildernder Darstellung erkennen zu lassen scheint. In jener Strophe nämlich, in der – nach der bisher bekannten, einhelligen Überlieferung – der „grimme Hagen“ dem Sohn von Kriemhild und Etzel, Ortlieb, den Kopf so heftig abschlägt, „daz der küneginne das houbet spranc in die schôz“ (daß der Königin das Haupt in den Schoß flog), bietet der neue Text eine etwas weniger drastische Lesart. Dort nämlich fehlt das ebenso feinsinnige wie grobschlächtige Detail, daß der Kindskopf im mütterlichen Schoß landet, und statt dessen heißt es „daz ob der fursten tische swebte daz plut der swaiz also haizzer ran an dem wert zetal“ (daß das Blut über den Tisch der Fürsten strömte und heiß am Schwert herunterlief).

Ob sich in dieser Änderung der sittigende Einfluß eines sensibleren Publikums geltend macht, darf füglich bezweifelt werden. Denn die Münchner Version nimmt der Szene allenfalls ihren psychologischen Schrecken, nicht aber den kräftigen Schauer-Effekt, zumal auch die folgende Strophe, in der Hagen, vom Blutrausch befallen, auch den Erzieher des soeben getöteten Knaben mit einem Schwertstreich enthauptet, in dem neuen Fragment wenigstens teilweise erhalten ist.

Für empfindsame Gemüter ist das alles ohnehin nichts, und wir haben überdies wenig Grund zu der Annahme, daß die mittelalterliche Zuhörerschaft des Nibelungenliedes sonderlich zartbesaitet gewesen sein könnte. Ob da nun ein Kopf mehr oder weniger über die Fürstentafel kollert, dürfte an der Wirkung des Werkes wenig geändert haben – und uns nur sehr vage Einsichten gewähren in womöglich gewandelte Hör-Erwartungen des Publikums. Für Beobachtungen dieser Art wäre etwa die Donaueschinger Handschrift C des Textes mit ihrer deutlich „höfisierenden Tendenz“ geeigneter. Aber selbst sie mag auf die Szene mit Ortliebs fliegendem Haupt nicht verzichten.