Von Marlies Menge

Die DDR-Schriftstellerin Monika Maron darf nicht in den Westen reisen. So stand es neulich in unseren Zeitungen. Nicht zu einer Lesung nach West-Berlin, nicht zu Lesungen in die Schweiz und nach Paris. Die Meldung überraschte mich. Monika Maron war noch im Sommer in der Schweiz gewesen, wo ein Stück von ihr gespielt wurde. Vorher hatte sie sogar ein Jahresvisum für den Westen gehabt, Traum vieler DDR-Schriftsteller. Sie war in England, Frankreich, den USA. Damals war sie nicht braver als heute.

Eine Freundin besuchte mich, die mit ihr telephoniert hatte. Auch eine Schriftstellerin. Die Ablehnung sei nicht das Schlimmste, erzählte sie. Das könne jedem DDR-Schriftsteller passieren. Er habe dann immerhin noch die Hoffnung, daß es das nächste Mal klappt. Bei Monika Maron sei das diesmal anders. Das Kulturministerium habe ihr mitgeteilt, es sei nicht mehr für sie zuständig, habe sie an ihre zuständige Polizeidienststelle verwiesen. Auch die erklärte sich für nicht zuständig. Sie hat keinen Ansprechpartner mehr, verstehst du, sagte die Freundin, sie haben sie ins Abseits katapultiert. Die Reise war schon erlaubt, und nun das! Die Freundin nannte das Ganze kafkaesk. Nein, Monika habe keine Erklärung für die neue Art ihrer Behandlung durch die Behörden. Sie verbiete es sich, darüber nachzugrübeln, womit sie das ausgelöst haben könnte.

Ich habe Monika Maron vor gut acht Jahren kennengelernt, bei einer Ostberliner Fete. Sie rief mich kurz darauf an. Ihr war aufgefallen, daß ich an dem Abend gestrickt hatte. Sie liebt das Besondere. Dabei war es gar nichts Besonderes; wenigstens einmal im Jahr, nämlich zu Weihnachten, will ich den Kindern durch Selbstgestricktes das Gefühl geben, sie hätten eine aufopfernde Mutter. Ein Mißverständnis also. Trotzdem freundeten wir uns an. Monika Maron lebte damals für kurze Zeit in dem Haus ihrer Mutter, nach drei geschiedenen Ehen eine alleinstehende Frau mit Sohn Jonas.

Sie war nicht mehr Journalistin, schrieb an ihrem ersten Buch, „Flugasche“, aus dem sie mir manchmal vorlas. Es gefiel mir. Es beschrieb die DDR, wie sie mir geläufig war: Frauenprobleme, Umweltbelastung – und manches, was ich nicht kannte: aus ihrer Journalistenzeit. Sie verlangte vom Zuhörer mehr als nur Anerkennung, wollte ein kluges Urteil, das war anstrengend.

Es kam die langwierige Zeit, in der das Buch in der DDR geprüft wurde. Es wurde nicht gedruckt. Das Buch, geschrieben für DDR-Leser, erschien in der Bundesrepublik. Für manche bei uns ein gefundenes Fressen; sie wollten die Stieftochter des ehemaligen DDR-Innenministers Maron zur Dissidentin machen. Monika ließ es nicht zu, verweigerte sich konsequent.

Inzwischen war sie mit Sohn Jonas, Kater Julius und Freund Wilhelm, einem Naturwissenschaftler, in eine Wohnung in Pankow gezogen. Die beiden heirateten, kauften sich ein kleines Haus in der Nähe von Prenzlau auf dem Lande, wohin sie so oft wie möglich mit dem altersschwachen Dacia fuhren. Monika nennt ihn „mein erstes und einziges Auto“. Sie verbrachten viel Zeit mit dem Herrichten der Datsche. Monika wird bürgerlich, sagten die Freunde. Wer sie besuchte, konnte feststellen, daß sie dieselbe geblieben war: Zigaretten, Weinflaschen (von ihr), Bierflaschen (von ihm), Unordnung in der Wohnung. Und auf der Datsche, beim gemütlichen Kaffee im Garten, las sie dem Gast wie bisher die Leviten.