Zweimal im Jahr erreicht ein Rundschreiben des Landesprüfungsamtes für Medizin und Pharmazie die Behörden und Ämter. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dienststellen werden aufgefordert, Aufsicht zu führen bei den Medizin- und Pharmazieprüfungen.

Diesmal bin ich dabei. Zweiter Abschnitt der ärztlichen Prüfung: Unbehagen überkommt mich. Nach der Lektüre der Merkblätter bin ich ein wenig gesammelt. Am Tag unseres Einsatzes werden wir eingewiesen und bekommen das Prüfungsmaterial: Bleistifte, Radiergummis, Aufgabenhefte und computerlesbare Antwortbelege sowie einen Sicherheitskoffer für die abgegebenen Arbeiten. Eine ehemalige Sekretärin steht mir zur Seite. Sie hat schon Routine.

Ein Taxi bringt uns zum Institutsgebäude eines Universitätskrankenhauses. Einige Studenten sitzen schon auf der Treppe und grinsen: Zyniker, Unsichere, Selbstbewußte, Arrogante, Ängstliche, Charmante ...

Wir bereiten den Prüfungssaal vor: legen die Bleistifte und Radiergummis hin, verteilen die Antwortbelege nach Sitzplatznummern. Dann werden die Studenten hereingebeten. Sie legen ihre Zulassungsverfügungen und ihre Ausweise vor. Die Zulassungsverfügungen werden abgezeichnet.

Junges, frisches Leben drängt herein, in Jeans und lässigen Pullis. Ein paar übernächtigte Gesichter, aschfarben vor Angst, wanken in den Saal. Das Neonlicht läßt die Angst der Prüfungskandidaten deutlicher werden.

Die Sekretärin, Typ einer Aufseherin mit etwas verkniffenem Gesicht, ergreift das Wort, begrüßt die Studenten, wünscht Erfolg und weist auf einige Formalitäten hin. Wie elektrisiert gehorchen ihr die Studenten und lassen die Taschen und Jacken neben ihren Stuhl gleiten.

Der Prüfungsbeginn wird angesagt.