ZEIT: Der Spekulant Ivan Boesky zahlt hundert Millionen Dollar Bußgeld an die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde, weil er nichtöffentliche Informationen für Aktiengeschäfte nutzte. Bleiben nach vier Jahren Börsenhausse die guten Sitten auf der Strecke?

Cammann: Ich möchte mich nicht zum „Sittenrichter“ über das Verhalten an ausländischen Aktienmärkten aufspielen. Man wird aber nicht leugnen können, daß in Zeiten haussierender Börsenkurse Übernahmen Gewinnchancen versprechen und in diesem Zusammenhang die mißbräuchliche Verwertung von Insiderwissen de facto möglich wird.

ZEIT: In Deutschland sind solche Skandale bisher unbekannt. Ein Grund dafür ist sicherlich, daß spektakuläre Übernahmekämpfe um börsennotierte Aktiengesellschaften hier noch nicht geführt wurden. Gilt das aber auch für die Zukunft?

Cammann: Übernahmekämpfe der in den USA und in England jüngst beobachteten Art halte ich auf absehbare Zeit in der Bundesrepublik für ausgeschlossen. Dies liegt an der völlig anders gearteten Mentalität des deutschen Aktionärspublikums. Dem deutschen Aktionär ist die Einstellung fremd, Aktiengesellschaften wie Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Der Unterschied zeigt sich zum Beispiel daran, daß es im angelsächsischen Bereich für Übernahmen spezifische gesellschaftsrechtliche und börsenrechtliche Regelungen gibt.

ZEIT: Hier gibt es kein gesetzliches Verbot von Insidergeschäften. Reichen die freiwilligen Vereinbarungen der deutschen Unternehmen und Banken über Insiderregeln aus, solche Geschäfte von Boesky & Co zu verhindern?

Cammann: Die freiwilligen Insiderregelungen sind mindestens genauso wirksam wie gesetzliche Regelungen. Nach meiner Meinung sind sie sogar effizienter, weil ihre Verletzung als ein Verstoß gegen eine Art Ehrenkodex gilt. Die Gefahr des Reputationsverlustes stellt einen wirksameren Zwang zur Einhaltung der Regeln dar als die Strafnorm eines gesetzlichen Verbots.

ZEIT: Der spektakuläre Kursanstieg der AEG vor der Übernahme des Elektrokonzerns durch Daimler-Benz hat in Börsenkreisen den Verdacht erregt, daß da Insider am Werk waren. Dennoch hat eine Kommission mit einer kleinen Ausnahme keine Verstöße gegen die Regeln feststellen können. Hat dieser Fall nicht gezeigt, daß auch hier ein gesetzliches Verbot von Insidergeschäften notwendig ist?