Der Erste Weltkrieg dauerte viereindrittel Jahr, der Zweite fünfdreiviertel, der iranisch-irakische Krieg aber geht nun schon ins siebente. Einen leichten Sieg nach Art der israelischen Blitzkriege hatte sich der Aggressor, der irakische Diktator Saddam Hussein, erträumt, als er am 23. September 1980 um drei Uhr früh sechs Divisionen über die Grenze stürmen ließ. Die iranischen Streitkräfte waren durch die „Säuberungen“ nach dem Sturz des Schahs erheblich geschwächt, das Mullah-Regime schien noch nicht gefestigt.

Doch schon im November 1980 hatten die Iraker den „Kulminationspunkt des Angriffs und des Sieges“ (Clausewitz) überschritten, ohne den Frieden zu erreichen. In der Österreichischen Militärzeitschrift, die von Anbeginn das Kriegsgeschehen systematisch verfolgt hat, sagte Franz Freistetter damals schon voraus, daß von nun an der Konflikt in einen langwierigen Abnützungs- und Zermürbungskrieg ausarten werde. Freistetter heute: „Offensiven werden in diesem Krieg keine Entscheidung mehr bringen.“

Mitte 1982 mußten sich die irakischen Truppen aus dem ölreichen Khusistan zurückziehen – sie ließen 50 000 Gefallene und ebensoviele Gefangene in Feindesland zurück. Nunmehr war es Chomeini, der seine Soldaten über die Grenze vorantrieb, um den Aggressor zu züchtigen. Aber die vielen blutigen „Morgenröte“-Offensiven haben den Iranern lediglich Geländegewinne von fünf Kilometer pro Jahr eingetragen. Die tausend Kilometer lange Front ist im Stellungskrieg erstarrt. Gelegentliche Offensiven beider Seiten zerflattern rasch in taktischen Gefechten, in „lauter kleinen Langemarcks“ (Freistetter).

Das militärische Patt im Golfkrieg erklärt sich aus den Kräfteverhältnissen. Der Irak ist an Flugzeugen achtfach, an Panzern sechsfach überlegen, der Iran hingegen hat dreimal soviel Menschen und vermag seine Soldaten besser zu motivieren. Trotz der erdrückenden Feuerkraft des Gegners ist es den Iranern im Frühjahr gelungen, bei der Hafenstadt Fao einen Brückenkopf zu bilden, in dem sich hunderttausend Mann verschanzt haben, die über Wasser und Sumpf großflächig versorgt werden und offensichtlich über eine hervorragende Panzerabwehr verfügen. Das Ziel der iranischen Kriegführung – so berichtete vor einem Monat ZEIT-Reporter Andreas Kohlschütter aus Teheran – heißt weiterhin, „den Irak zermürben, seine saudiarabischen und kuwaitischen Geldgeber abschrecken und die innerirakischen Oppositionskräfte (Armee, Schiiten im Südirak) zum Aufstand gegen Saddam Hussein und das Baath-Regime bewegen“.

Weitergehen wird auch der „Städtekrieg“, die Terrorisierung der Zivilbevölkerung durch gelegentliche Bomben- und Raketenangriffe, ebenso der „Tankerkrieg“ im Golf – allein in diesem Jahr wurden mehr als sechzig Tanker angegriffen. Die irakischen Luftangriffe gegen die Ölverladerampen und der Ölpreisverfall haben die Kriegswirtschaft des Irans enorm geschwächt. Die Deviseneinnahmen reichen gerade, den Krieg auf bisherigem Niveau fortzusetzen. Die aus China erwarteten J-6/7-Düsenjäger (Nachbauten sowjetischer MIGs) werden die Wende nicht bringen – es hapert mit der Versorgung und mit der Pilotenausbildung (bei Kriegsbeginn mußte man die Flugzeugführer aus den Gefängnissen holen).

Bislang hat der Golfkrieg etwa 900 Milliarden Mark gekostet. In dieser Summe sind die Rüstungsausgaben, die Einnahmeverluste beim Erdöl und andere wirtschaftliche Schäden enthalten. Die Menschenopfer lassen sich nur schwer einschätzen. Amerikanische Quellen sprechen von 100 000 gefallenen Irakern und 250 000 getöteten Iranern. Dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger wird der Ausspruch zugeschrieben: „Bedauerlich ist an dieser Situation einzig der Umstand, daß nur eine der beiden Kriegsparteien verlieren kann.“ D. Z.