Die DDR-Führung will die Wirtschaftskrise ohne grundlegenden Wandel meistern

Von Harry Maier

Bereits die ersten Anzeichen einer radikalen Wirtschaftsreform in der UdSSR wurden von der DDR-Führung mit Skepsis aufgenommen. Als Parteichef Michail Gorbatschow im April 1985 – kurz nach seiner Wahl zum Generalsekretär der KPdSU – ankündigte, die Rolle der Plankommission (Gosplan) müsse grundlegend geändert werden, antwortete SED-Chef Erich Honecker im Juni 1985: „Ein Experimentierfeld ist unsere Ökonomie nicht.“

Nach Gorbatschows Vorstellung sollte Gosplan aufhören, sich in den tagtäglichen Entscheidungsprozeß der Betriebe und Kombinate einzumischen und statt dessen strategische Grundlinien der Volkswirtschaft entwickeln. Schon in den zwanziger Jahren hatte Lenin eine solche Arbeitsweise der Plankommission für zweckmäßig gehalten. Erst unter Stalin, in den dreißiger Jahren, entwickelte sie sich zur mächtigen Kommandozentrale der Wirtschaft, die knappe Ressourcen kontingentiert, sie den Betrieben zuteilt und damit über deren Erfolg oder Mißerfolg entscheidet.

Die Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler und Praktiker der DDR fühlten sich durch den neuen Mann in Moskau in ihrer Auffassung bestätigt, daß der Abbruch der Reformbemühungen der sechziger Jahre mit dem Machtantritt Honeckers ein schwerer Fehler war. Keines der damals diskutierten Probleme war in der Zwischenzeit gelöst worden. Im Gegenteil. Die Probleme hatten sich beträchtlich zugespitzt. Die DDR war damals ein schuldenfreies Land. In einer Reihe traditioneller Wirtschaftszweige – wie dem Maschinenbau, der Optik sowie in Teilen der Chemie – konnte sie ihre Position auf dem Weltmarkt noch behaupten. Es herrschte unter einem großen Teil der neu herangewachsenen Intelligenz, den Wirtschaftsfachleuten und Parteifunktionären, Hoffnung und Zuversicht, daß man das System leistungsfähiger und innovativer machen und den Abstand zur Bundesrepublik und anderen hochentwickelten Industrieländern des Westens abbauen könnte.

Das Ziel der 1963 unter Walter Ulbricht einsetzenden Reformbemühungen war ein „Neues ökonomisches System“ (NÖS) in der DDR. Die Wirtschaft sollte flexibler und effektiver auf die Bedürfnisse der DDR-Bevölkerung reagieren und auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger werden. Die Bevormundung der Betriebe durch die Zentrale sollte beseitigt, die Selbständigkeit der Betriebe hergestellt und der Markt („Ware-Geld-Beziehungen“ im DDR-Jargon) mit Hilfe von flexiblen Preisen, Gewinn, Kredit und Zins wieder funktionsfähig werden.

Ein großer Teil dieser Reformschritte wurde wieder zurückgenommen, nachdem 1964 der damalige sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow gestürzt worden war. Immerhin hielt Ulbricht an dem Grundsatz fest: „Die Entscheidungen sollen dort gefällt werden, wo die größte Sachkenntnis vorhanden ist.“