Bhagwans Jünger ihren Weg

Von Johanna Stadler

Die Bücher des Guru waren verbrannt, die Rolls-Royce-Flotte an einen texanischen Geschäftsmann verkauft, per Flugzeug irrte Bhagwan Shree Rajneesh durch die Welt auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Die Zeitungen verkündeten das „Ende des Rajneeshismus“ – und die etwa 30 000 Sannyasins in Deutschland kümmerte all das nicht allzuviel. Kaum einer sah einen Grund, sich vom Meister abzuwenden, obwohl Ende letzten Jahres Dramatisches auf der Landkommune Rajneeshpuram in Oregon geschehen war: Unter Führung von Bhagwans Vertrauter Sheela hatte sich Rajneeshpuram zu einer Minidiktatur entwickelt, Lebensmittel waren vergiftet worden, Mordpläne sollen geschmiedet worden sein.

„Ich kenne niemanden, der wegen der Auflösung der ‚Commune‘ in den USA aufgehört hätte, Sannyasin zu sein“, sagt Angelika, die seit acht Jahren Ma Devabodhi heißt. In diesem Punkt herrscht Übereinstimmung zwischen ihr und dem Sektenexperten der evangelischen Kirche in München, Friedrich-Wilhelm Haack: „Ich glaube, daß die Schar der Sannyasins im letzten Jahr nicht geschrumpft ist; es sind höchstens noch mehr geworden“, vermutet er. Warum die Anziehungskraft des 55jährigen Inders ungebrochen ist, dafür hat jede Seite eine andere Erklärung.

„Rajneesh hat seine Jünger lebensunfähig gemacht, sie können ohne seine Führung nicht mehr existieren“, sagt Haack, der schon 1979 in einem Buch über Jugendreligionen vor der „immer wieder festgestellten Lebensuntauglichkeit“ der Sannyasins warnte. Zumindest ihre Fähigkeit, sich schnell auf neue Situationen einzustellen, haben die Sannyasins bewiesen. Als nach Sheelas Abgang die zentrale Organisation zusammengebrochen war, führten die Sannyasins die Restaurants, Diskotheken und Meditationszentren kurzerhand eigenverantwortlich weiter. Statt wie bisher in den großen Gemeinschaftstopf zu zahlen, wirtschaftet jeder Sannyasin nun in die eigene Tasche. Von den Betrieben der Bhagwan-Jünger in der Bundesrepublik ist keiner pleite gegangen.

An der Rezeption des Hamburger „Dharmadeep Instituts für Meditation und Spirituelles Wachstum“ sitzt Prabhati. Sie verkauft Coupons für die Meditationen, die fünfmal am Tag stattfinden. Bevor sie 1980 „Sannyas nahm“, also ihren alten Namen ab- und die Holzperlenkette mit Bhagwans Bildnis umlegte, hatte sie eine gutgehende Praxis für Gestalttherapie. „Aber ich war ganz nach außen gerichtet. Ich war abhängig von meinen Patienten, meinem Erfolg, meinem Geld. Bhagwan hat mir einen Weg nach innen gezeigt“, sagt die 51jährige. Ihren Entschluß, Sannyasin zu werden, habe sie nie bereut. Ihr erwachsener Sohn dagegen konnte zunächst den Lebenswandel der Mutter nicht begreifen: „Mir bleibt auch nichts erspart.“

Die dreißigjährige Devabodhi hat vor ein paar Jahren sogar ihre fast fertige Magisterarbeit in die Mülltonne geworfen. Heute kocht sie in einem Münchner Reformhaus für Geschäftsleute, die mittags Appetit auf Vegetarisches haben. Das Verhältnis zwischen Devabodhi und ihren Eltern hat sich erst verbessert, seit sich Sannyasins nicht mehr rot kleiden müssen und niemand mehr die Mala tragen muß, seit das Leben der Bhagwan-Jünger zumindest äußerlich bürgerlich geworden ist.