Die Wahlen sind vorüber – doch die Suche nach dem Ausweg fängt erst an

Von Horst Bieber

Brasilia, im November

Das Ginásio Presidente Media ist, wie fast alle Bauten in Brasilia, groß und etwas pompös ausgefallen und zeigt – zu früh – bereits Verfallserscheinungen. Um zehn Uhr an diesem ungewöhnlich kühlen Sommersonntagmorgen summt und brodelt es in der runden Sporthalle in einer Mischung aus Spannung, Gereiztheit und Volksfest, das offenbar zwangsläufig entsteht, wenn sich mehr als zehn Brasilianer zu welcher Handlung auch immer zusammenfinden. Die Auszählung der Stimmen hat begonnen. Tags zuvor, am Samstag, dem 15. November, waren mehr als 69 Millionen Brasilianer aufgerufen, ein neues Bundesparlament, ein Drittel der Senatoren – Abgeordnetenhaus und Senat bilden zusammen als Kongreß gleichzeitig die verfassunggebende Versammlung –, 23 Gouverneure und 23 Landesparlamente zu wählen. Zweiundzwanzig Jahre nach der Machtergreifung der Militärs soll die Demokratie endgültig die Vergangenheit verabschieden und sich eine unanfechtbare Legitimität verschaffen.

Um die Probleme, die Brasilien in kürzester Frist bewältigen muß, ist das Land nicht zu beneiden – ein Land der Disparitäten. Neben Inseln der Kompetenz, die keine Konkurrenz mit Nordamerika, Europa oder Japan zu scheuen brauchen, liegen weite Flächen der Inkompetenz. Spitzenleistungen in Technik und Wissenschaft einerseits, absolut steigende Analphabeten-Zahlen andererseits. Kliniken mit Weltruf, aber für die Mehrheit ein Gesundheitssystem, in dem brutal gilt: „Weil du arm bist, mußt du früher sterben.“ Kaum glaublicher Reichtum weniger Familien, Hunger in den landwirtschaftlichen Elends- und Dürregebieten. Facenderos mit fürstlich großen, zum Teil brachliegenden Ländereien, Landlose im Nordosten. Ein ausgeklügeltes Rechts- und Justizsystem, aber Gewalttätigkeit der Besitzenden gegenüber störenden Habenichtsen dort, wo es keine Zeugen gibt oder niemand Zeugnis abzulegen wagt. Ein bedrohliches Süd-Nord-Gefälle der Entwicklung, nicht nur klimatisch bedingt, sondern bereits als Mentalität faßbar: „São Paulo arbeitet, Rio lebt, Brasilia, der geographische Mittelpunkt, bummelt, Bahia schläft“, sagt ein Spottwort. Für das friedfertigste Volk können solche Unterschiede unerträglich werden.

Auf den Rängen des Ginäsio sitzen nur wenige Neugierige, die von oben auf die etwa dreißig Tische herabschauen, an denen je fünf Männer und Frauen – alles unbezahlte Freiwillige, der Staat stellt nur die Verpflegung und Kaffee, viel Kaffee – die Strichlisten führen. Metallgitter trennen die Zähltische vom Innenrund, in dem Kinder herumtoben, Grüppchen diskutieren, Fernsehen und Rundfunk Interviews veranstalten, ausländische Journalisten herumstreifen. An den Gittern drängen sich die Vertreter der Parteien, um in qualvoller Enge nur ja keine Stimm-Meldung zu überhören; auf Zetteln legen sie ihre eigenen Listen an, Kontrolle soll sein, vollständig und demokratisch, anders als bei den früheren Wahlen mit ihrem institutionalisierten Betrug. Der Lärm nimmt zu, mit ihm die Gereiztheit der fiscales, die immer schlechter verstehen können, was an den Tischen gesprochen wird. Drei Stunden später wird nach ihren Protesten die Auszählung unterbrochen.

Glauben an das Machbare