Von Matthias Naß

Als es zum Schwur kam, konnte sich Präsidentin Aquino auf ihren obersten Soldaten verlassen. In einer Blitzaktion ließ General Fidel Ramos, der Stabschef der philippinischen Streitkräfte, in der Nacht zum Sonntag Eliteeinheiten vor dem Parlamentsgebäude, dem staatlichen Fernsehsender und vor Radio Veritas in Manila aufziehen. Gepanzerte Fahrzeuge säumten die Straßen zum Malacañang-Palast im Stadtzentrum. Die Stunde zum Handeln schien gekommen, denn Berichte über eine geheime Nachtsitzung führender Militärs und ungewöhnliche Truppenbewegungen in den Straßen der Hauptstadt ließen für die Regierung nur einen Schluß zu: Verteidigungsminister Enrile hatte das Signal zum Putsch gegen Corazon Aquino gegeben. Seine Sicherheitstruppe, so hieß es, wolle um Mitternacht zuschlagen.

Für acht Uhr in der Frühe berief die Präsidentin am Sonntag ihr Kabinett zu einer Dringlichkeitssitzung ein. Juan Ponce Enrile war schon nicht mehr dabei, als Cory Aquino die gesamte Ministerriege zum Rücktritt aufforderte. Zum Nachfolger des entlassenen Verteidigungsministers ernannte sie Rafael Ileto, den bisherigen Stellvertreter Enriles. Die Streitkräfte waren im ganzen Land in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. General Ramos hatte das Militär angewiesen, aus dem Verteidigungsministerium keine Anordnungen mehr entgegenzunehmen. „Die Neuen Streitkräfte der Philippinen stehen hinter der Regierung von Präsidentin Aquino, die vom Volk gewählt und eingesetzt worden ist“, hieß es in einem Befehl des Stabschefs an seine Truppenkommandeure. Anhänger des gestürzten Präsidenten Marcos, so Ramos, hätten unter dem Schutz „gewisser Elemente im Militär“ das aufgelöste Parlament einberufen und „den Anschein einer anderen Regierung“ erwecken wollen.

Mit seinem entschlossenen Eingreifen hat Fidel Ramos die Präsidentin möglicherweise vor dem Sturz bewahrt; zumindest hat er ihr in der philippinischen Dauerkrise eine Atempause verschafft. Dem Stabschef war während der vergangenen Wochen in dem sich zuspitzenden Machtkampf in Manila eine Schlüsselstellung zugewachsen. Drei kurz aufeinanderfolgende politische Morde hatten den schwelenden Regierungskonflikt dramatisch verschärft. Die beiden rivalisierenden Lager um Präsidentin Aquino und Verteidigungsminister Enrile setzten darauf, Fidel Ramos werde sich im entscheidenden Moment auf ihre Seite schlagen. Lange versuchte Ramos, zwischen den Streitenden zu vermitteln. Am Wochenende sah sich Juan Ponce Enrile dann von seinem ehemaligen Weggefährten verlassen. Cory Aquino dagegen hatte sich in ihrem Vertrauen auf den Stabschef nicht getäuscht. „Wenn er nicht zu uns steht, sind wir einer verhängnisvollen Fehleinschätzung erlegen“, hatte noch vor kurzem ein Aquino-Berater über Ramos gesagt. „Wir haben uns dann selbst die Kehle durchgeschnitten, und wir verdienen es nicht anders.“

Nicht zum erstenmal ist Ramos seiner Präsidentin in einer schwierigen Lage zu Hilfe geeilt. Als sich der ehemalige Außenminister Arturo Tolentino im Juli mit mehreren tausend Marcos-„Loyalisten“, darunter sechs Generälen und 400 schwer bewaffneten Soldaten, im luxuriösen Manila-Hotel verschanzte und sich zum „amtierenden Präsidenten“ proklamieren ließ, setzte Ramos dem Spuk ein rasches Ende. Dreißig Liegestütze befand der General als Strafe für die meuternden Soldaten damals als ausreichend.

Die merkwürdig milde Reaktion trug nicht gerade dazu bei, dem auf Ausgleich bedachten Kurs der Präsidentin in der Truppe Respekt zu verschaffen. Im Offizierskorps wuchs die Kritik an ihrer Politik des Dialogs mit den Aufständischen der kommunistischen „Neuen Volksarmee“ (NPA). Vor allem den jungen ehrgeizigen Obristen, die Enrile in der Sicherheitsgarde des Verteidigungsministeriums um sich scharte, juckte es in den Fingern. Für die von der Präsidentin propagierte nationale Aussöhnung hatten die Absolventen der philippinischen Militärakademie nur Verachtung übrig. Mit forschen Reden gegen die angeblich zu weiche Haltung Corazon Aquinos gegenüber den Kommunisten schürte Enrile bei seinen „boys“ die Lust zur Konfrontation mit der Oberbefehlshaberin.

Die Putschpläne gegen die Präsidentin nahmen Gestalt an. Während eines Japanbesuches Cory Aquinos Mitte November sollte die Operation „God Save the Queen“ anlaufen. In einem „chirurgischen Schlag“ wollten Enriles Leute mißliebige linke Regierungsmitglieder festsetzen. Fidel Ramos vereitelte das Komplott. Der Stabschef zitierte die Kommandeure der Teilstreitkräfte zu sich und warnte „militärische Abenteurer“ vor „unbesonnenen Aktionen“.