Was stimmt nun eigentlich? Aus dem Jahresgutachten des Sachverständigenrates liest Matthias Wissmann, Wirtschaftsfachmann der CDU, heraus, daß „sich die Bundesregierung mit ihrer Wirtschafts- und Finanzpolitik auf dem richtigen Kurs befindet“. Der FDP-Graf Otto Lambsdorff sieht in den Empfehlungen des Gutachtens eine „willkommene Unterstützung“ für seine Partei. Die SPD-Politiker Wolfgang Roth und Hans Apel halten dagegen: „Für die Bundesregierung ist die Prognose des Sachverständigenrats eine böse Überraschung.“

Die „Fünf Weisen“ machen einem den Durchblick nicht gerade leicht. Sie haben ihrem am Montag dem Bundeskanzler überreichten Opus den Titel „Weiter auf Wachstumskurs“ gegeben und versichern: „Der Test auf die Robustheit des Aufschwungs in der Bundesrepublik wird nach unserem Urteil gut ausgehen.“ Gleichzeitig sind sie aber entschieden pessimistischer als die Bundesregierung. Das gilt für die Wachstumsrate ebenso wie für die Entstehung neuer Arbeitsplätze. Und gleichzeitig liegen sie mit ihren Prognosen eindeutig unter den Werten, die erst vor ein paar Wochen im Gemeinschaftsgutachten der fünf größten Forschungsinstitute der Bundesrepublik unters Volk gebracht wurden.

Eines läßt sich mit Sicherheit sagen: Der fast ungetrübte Wachstumsoptimismus ist passé. Noch im Juni prophezeite Wirtschaftsstaatssekretär Otto Schlecht für das laufende Jahr eine Zunahme des Sozialprodukts um 3,5 Prozent, in seinem Optimismus vom Kieler Institut für Weltwirtschaft voll bestätigt. Das Gemeinschaftsgutachten vom Oktober stellte immer noch drei Prozent in Aussicht. Jetzt sind die Professoren des Rates für 1986 bei 2,5 Prozent angelangt, und für das kommende Jahr kommen sie im Jahresdurchschnitt nur noch auf gut zwei Prozent. Das ist enttäuschend, und es kann nicht im Sinne des Rates sein, wenn die Minister Gerhard Stoltenberg und Martin Bangemann abwiegeln, es bestünden aus ihrer Sicht „gute Chancen, daß die Wachstumsraten höher ausfallen“.

Ernüchterung auch beim Abbau der Arbeitslosigkeit. „Am Jahresende“, so heißt es zwar im Gutachten, „dürften insgesamt rund 250 000 Personen mehr beschäftigt sein als Ende 1985 und 570 000 mehr als im Herbst 1983, am Beginn des Beschäftigungsanstiegs.“ Doch dann kommt die kalte Dusche: „Wir haben jedoch keine große Hoffnung, daß es 1987 gelingen könnte, die Anzahl der Arbeitslosen im Durchschnitt des Jahres unter zwei Millionen zu drücken. Wir rechnen lediglich mit einem Rückgang um 70 000 bis 80 000 Personen im Verlauf des nächsten Jahres.“

Selbst diese Erwartungen beruhen auf Voraussetzungen, die absolut nicht sicher sind. Ein weiterer Dollarverfall beispielsweise würde die bescheidenen Wachstumshoffnungen ebenso gefährden wie ein Ansteigen der Ölpreise über das gegenwärtige Niveau von etwa fünfzehn Dollar pro Barrel. Gleichzeitig müssen, soll das Szenario der Weisen nicht aus den Fugen geraten, die Lohnabschlüsse 1987 geringer ausfallen als in diesem Jahr; denn das „Einkommensgeschenk der Importpreissenkung kann im kommenden Jahr nicht noch einmal verteilt werden“. Mäßige Erwartungen auf unsicherer Basis also.

Der Sachverständigenrat ist durchaus nicht blind für solche Einwände. Realistisch hat er. auch einkalkuliert, daß die geradezu dramatischen Exportrückgänge der vergangenen Wochen und Monate gewisse Risiken für 1987 mit sich bringen. Doch letztlich sind die Weisen Optimisten. Sie rechnen damit, daß sich beim Export die Lage bald wieder zum Besseren wendet und sich die Inlandsnachfrage (also vor allem privater Konsum und Investitionen) so prächtig wie lange nicht mehr entwickelt. Ihre entscheidende Botschaft heißt deshalb: Der Aufschwung wird nicht kippen, er bleibt von Verspannungen (das heißt von Inflation) frei, und unter den gegebenen Umständen ist ein zweiprozentiges Wachstum der Volkswirtschaft ein passables Ergebnis.

Doch man kommt um die Frage nicht herum: Ist dieses Ergebnis auch ausreichend? Können wir einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn die Arbeitslosigkeit über der Zwei-Millionen-Grenze verharrt? Die klassische Antwort des Rates steht auch im jüngsten Gutachten. Danach kann die „Lösung der Wachstums- und Beschäftigungsprobleme nur durch eine Stärkung der Marktkräfte bewirkt werden“, das heißt durch Steuerreform, sinkende Staatsquote, Flexibilisierung, Marktöffnung, Weiterbildung. Neu sind diese Ideen nicht, aber der Rat kann darauf verweisen, daß sie nie konsequent in die Tat umgesetzt wurden, er also auch nicht zu widerlegen ist.