Von Jes Rau

Ivan Boesky ist nicht der erste, dafür aber der dickste Fisch, der von der „Sittenpolizei“ der New Yorker Börse, der Aufsichtsbehörde SEC, gefangen wurde. Der Star unter Amerikas Finanzjongleuren wurde bei verbotenen Insidergeschäften ertappt und muß sage und schreibe hundert Millionen Dollar Strafe zahlen. Als der Skandal in der vergangenen Woche bekannt wurde, löste er geradezu ein Erdbeben an der Wall Street aus. Boesky, von Eingeweihten über Unternehmensfusionen und Firmenkäufe informiert, hatte rechtzeitig die Aktien der betroffenen Firmen zu günstigen Kursen gekauft und damit phantastische Gewinne gemacht.

Dennis B. Levine, einem Investmentbanker im Dienste der Wall Street Firma Drexel Burnham Lambert, waren schon vorher solche Geschäfte nachgewiesen worden. Paul Thayer, ehemals Chef des inzwischen bankrotten LTV-Konzerns, wurde deswegen zu Gefängnis verurteilt. Dasselbe Schicksal ereilte einen Reporter des Wall Street Journal, der Informationen darüber verhökerte, welche Gerüchte er in seiner vielgelesenen Markt-Kolumne des Blattes in die Welt setzen würde. Aber sie alle sind kleine Fische im Vergleich zu Ivan Boesky. „Ivan der Schreckliche“, wie die amerikanische Presse den Mann getauft hat, war an der Wall Street eine zentrale Figur – gehaßt, beneidet, nachgeahmt und umtanzt von einer Gefolgschaft, die ihn als Hohepriester des Goldenen Kalbes verehrte.

Boesky betrieb das sogenannte Arbitrage-Geschäft. Früher war das wenig aufregend. Arbitrageure handelten bis dahin vor allem mit Aktien und anderen Wertpapieren, wenn sie Kursdifferenzen zwischen verschiedenen Börsen entdeckten, also beispielsweise die Aktie einer Firma in New York weniger oder mehr kostet als in Boston. Dieses Geschäft erhielt in den vergangenen Jahren gewaltigen Auftrieb durch die gigantischen Firmenübernahmen in den Vereinigten Staaten. Wenn nämlich eine Übernahme-Offerte (tender offer) für eine Aktiengesellschaft abgegeben wird, dann muß der Preis pro Aktie beträchtlich über dem bisherigen Börsenkurs liegen, um genügend Aktionäre verkaufswillig zu stimmen.

Wenn die „Arbs“, wie die Arbitrageure heute heißen, rechtzeitig einsteigen, verschaffen sie sich damit die Chance, die aufgekauften Aktien an die übernehmende Gesellschaft oder Investorengruppe zu verkaufen und schlagartig gigantische Profite einzuheimsen. Sie handeln sich damit aber auch das Risiko ein, gewaltig zu verlieren, falls der Aufkauf aus irgendwelchen Gründen abgeblasen wird.

Wer sich an diesem Arbitrage-Spiel im großen Stil beteiligen will, braucht Nerven wie Drahtseile, riesiges Kapital, viel Glück und vor allem gute Informationsquellen. Ivan Boesky schien mit allem überreichlich gesegnet. Wenn ein Übernahmekampf begann, setzte er so viel Kapital wie möglich auf „Sieg“ des Angreifers. In den meisten Fällen lag er damit richtig, selbst wenn das Unternehmen die Kaufofferte abwehrte und seine Selbständigkeit dadurch rettete, daß es die eigenen Aktien kaufte: Auch dann konnte Boesky sein angesammeltes Aktienpaket zum hohen Preis des jeweiligen tender offer wieder verkaufen.

Anfangs waren es nur reiche und superreiche Privatleute, die ihm ihr Geld zur Vermehrung überließen. Später wurden auch Versicherungen, Pensionsfonds und die zum Poker gern aufgelegten Spar- und Darlehenskassen Kunde bei ihm. Ohne Widerrede akzeptierten sie die von Boesky festgelegten Geschäftsbedingungen: Sie mußten neunzig Prozent der durchaus möglichen Verluste tragen, er selbst behielt aber vierzig Prozent der Gewinne ein. Da in den zurückliegenden Jahren eine Firmenübernahme die nächste jagte, wurde Boesky in kurzer Zeit zum Krösus. Die Schätzungen über sein Vermögen rangieren zwischen zweihundert und vierhundert Millionen Dollar.