Die Deutsche Bank kauft die italienische Tochter der angeschlagenen Bank of America

Teuer und ungewöhnlich ist das Angebot der Bank of America. Wie ein besorgter Hausvater in äußerster Not das Familiensilber zu Geld macht, so stößt die Bank einige bisher sorgsam gehütete Schätze ab. Dazu gehört die Banca d’America e d’Italia (BAI) in Mailand, die schon bald in den Besitz der Deutschen Bank übergehen wird. Die BAI ist in einer glänzenden Verfassung. Sie ist die einzige große Auslandsbank in Italien und zählt mit sieben Milliarden Mark Bilanzsumme und fünf Milliarden Mark Einlagen zu den wenigen maßgebenden Privatbanken des Landes. Fast alle Großbanken in Italien gehören der öffentlichen Hand, und selbst bei den Sparkassen ernennt die Regierung den Sparkassenleiter. Nur sehr zögernd verteilt die Notenbank ausländischen Kreditunternehmen die Erlaubnis zur Gründung einer Tochtergesellschaft in Italien. Und wenn die Zustimmung doch einmal gegeben wird, gilt sie durchweg nur für eine Niederlassung ohne Filialen. Strenge Auflagen regeln die Bankgeschäfte.

So ist es denn kein Wunder, daß die Deutsche Bank sofort Interesse zeigte, als die Bank of America ihre italienische Tochter feilbot. Die Frankfurter haben in Italien schon Pionierarbeit geleistet und Ende 1977 erst eine Repräsentanz und zwei Jahre später dann eine Filiale in Mailand eröffnet. Damit bot die Bank ihren italienischen Kunden zwar einen kompletten Bankservice an, aber den einheimischen Instituten machte sie keine Konkurrenz auf dem Binnenmarkt. Die Filiale beschränkte sich im wesentlichen auf die Finanzierung von Handelsgeschäften zwischen deutschen und italienischen Firmen. Schließlich ist die Bundesrepublik für Italien der größte Handelspartner, während umgekehrt Italien für uns das drittwichtigste Exportland ist. Außerdem fahren jährlich sechs Millionen deutsche Touristen nach Italien.

Wenn innerhalb der Europäischen Gemeinschaft von 1992 an auch für die Kreditwirtschaft die Niederlassungsfreiheit kommt und damit eine neue Konkurrenzrunde eingeleitet wird, werden viele Banken in Italien am Start stehen. Die hundert Zweigstellen der Banca d’America e d’Italia bieten den großen Vorteil, schon jetzt überall im Lande präsent zu sein. Das 1917 gegründete Institut ist so gut eingeführt wie eine italienische Bank. Der Reingewinn von fast siebzig Millionen Mark im vergangenen Jahr entspricht den üppigen Ertragsverhältnissen bei italienischen Banken.

Da ist es nicht verwunderlich, daß die Deutsche Bank, wie in Mailand und Rom kolportiert wird, der Bank of America einen Betrag von 620 Millionen Dollar für die italienische Tochtergesellschaft bietet. Das ist mehr als der Autokonzern Fiat für Alfa Romeo zahlt, aber auch mehr als die Versicherungsgruppe Allianz im vorigen Jahr für den Erwerb der Mehrheit bei Italiens zweitgrößter Versicherungsgesellschaft Riunione Adriatica einsetzte. Der Kauf der BAI durch die Deutsche Bank ist die bisher größte Investition eines deutschen Unternehmens in Italien.

Die römische Notenbank und die italienische Kreditwirtschaft beobachten den Besitzwechsel mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits garantiert die Deutsche Bank Solidität. Auf der anderen Seite müssen die italienischen Institute aber damit rechnen, daß nun eine Konkurrenz auftaucht, die dem bürokratischen, umständlichen und aufwendigen Kreditwesen im Lande mehr als eine Nasenlänge voraus ist. So rügte die Notenbank erst wieder am vergangenen Wochenende, daß italienische Bankkunden oft vier Wochen auf die Gutschrift eines eingereichten Schecks warten müssen. Die Abneigung des Italieners, die umständlichen Bankdienste zu nutzen, wird so verständlich: Er unterschreibt im Schnitt nur elf Schecks im Jahr – gegenüber 169 in den Vereinigten Staaten und 72 in Frankreich. Um Abhilfe zu schaffen, bereiten Notenbank und Bankenverband ein Weißbuch vor, in dem Möglichkeiten zur Verbesserung des Kundendienstes vorgeschlagen werden.

Die Furcht vor einem frischen Wind im Gewerbe dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, daß die Bankgewerkschaft Italiens die Übernahme der Banca d’America e d’Italia durch die Deutsche Bank ungewöhnlich schnell mißbilligte und eine parlamentarische Anfrage ankündigte. Die BAI beschäftigt dreitausend Mitarbeiter. Die höheren Bankbeamten, die sich in Italien Funktionäre nennen, wissen, daß vieles nicht so funktioniert wie es die stolze Tradition in einem Lande möchte, in dem das Bankwesen einmal entwickelt wurde.

Je mehr sich Rom zu einer Liberalisierung des Kreditwesens, des Kapitalmarktes und der Devisenbestimmungen durchringt, um so eher werden der Wegfall bürokratischer Strukturen und der Kontakt mit dem internationalen Kreditmarkt dafür sorgen, daß Italiens Banken agiler werden. Manche von ihnen zeigen im Ausland unter dem-Druck der Konkurrenz schon jetzt, was sie eigentlich alles können. Friedhelm Gröteke