Von Dörte Schubert

Längst erhalten die Mädchen die besseren Noten, bleiben durchweg seltener sitzen, besuchen seltener die Sonderschulen und stellen mittlerweile die Hälfte der Absolventen in höheren Schulen. Sie gelten als die eigentlichen Gewinnerinnen der Bildungsreform. Und doch: Auch heute noch belegen Oberstufenschülerinnen als Leistungsfächer lieber Fremdsprachen denn Physik und Chemie. Es gilt der heimliche Lehrplan: Die Mädchen stricken, die Jungs drängeln am Computer. Die Entdeckung. dieser Ungleichheit und die Klage darüber ist so alt wie die (neue) Frauenbewegung – geändert aber hat sich wenig. Haben die Frauen selber Schuld?

Sie verantworten immerhin die ersten Schulerlebnisse, denn längst ist die Feminisierung der ersten Bildungsinstitution vollzogen: Frauen machen (Grund-)Schule. Mancherorts verteidigen nur noch zwei Männer ihr Terrain gegen die Lehrerinnen: einer als Hausmeister, einer als Rektor.

Das Schulfeminat, so klagte 1984 die nordrheinwestfälische Landesregierung, bestärke die Jungen in „wirklichkeitsbezogenen Berufs- und Lebensplänen“ und lasse die Mädchen eine „berufsorientierte Lebensplanung nur eingeschränkt erfahren“. Ausgerechnet die Lehrerinnen sollen dafür verantwortlich sein, daß auch 1986 über 100 000 Mädchen eine Ausbildung als Friseuse, Verkäuferin, Bürokauffrau oder Arzthelferin beginnen. Liegt die Beschränkung auf diese Berufe etwa doch in der weiblichen Natur?

Die „weibliche Technikskepsis“ der Mädchen beklagt Burkhard Sachs von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Überall dort, wo an Baden-Württembergs Hauptschulen die Wahl zwischen „HTW“ (Hauswirtschaft/Textiles Werken) und Technik existiere, teilten sich die Geschlechter. Die Jungen in den ländlichen Gebieten entschieden sich schon mal für das Kochen – wenn sie später die väterliche Gastwirtschaft übernehmen. Auf höchstens zwölf Prozent schätzt Professor Sachs dagegen den Mädchenanteil in den Technickursen. Just die typischen Frauenberufe „unterliegen aber dem Rationalisierungsdruck, und Frauen haben nur dann eine Chance, wenn sie sich auf die Männerberufe stürzen“, urteilt Burkhard Sachs. Er plädiert daher für die Einführung des Faches Technik für alle. Würden die Mädchen per Zwangsunterricht endlich zum Zuge kommen und etwa Pilotin statt Stewardeß werden wollen?

So gestellt ringt die Frage engagierten Lehrerinnen und Wissenschaftlerinnen höchstens ein müdes Lächeln ab, denn ihrer Meinung nach ist die allgegenwärtige Männerherrschaft verantwortlich für die ungleichen Chancen der Mädchen in der Schule und der Frauen im Beruf. An der Vorstellung, daß „der Mann, der normale, der repräsentative, der paradigmatische Mensch sei“, hat sich nach Ansicht der englischen Wissenschaftlerin und Buchautorin Dale Spender (Frauen kommen nicht vor, Fischer Verlag, 1985), bis heute nichts geändert. Der ganz normale Sexismus im Bildungswesen ist für sie ausgemachte Sache; wie auch könnte ausgerechnet die Schule die herrschenden Verhältnisse ausklammern?

Angelika Wagner, heute Professorin für psychologische Pädagogik in Hamburg, führte eine Studie in Baden-Württemberg durch. Studenten beobachteten dabei in vierten Grundschulklassen, wie häufig Mädchen und Jungen vom Lehrer oder von der Lehrerin beachtet wurden. Erstes Ergebnis: Die Studenten meinten, „da spielt sich nichts ab in Sachen Diskriminierung“. Zweites Ergebnis nach der Interpretation einer simplen, aber genauen Strichliste: Die Chance, dranzukommen, war für Jungen ungefähr 20 Prozent größer als für Mädchen. „Die Muster, Jungen für wichtiger zu halten, sitzen tiefeingegraben in unserer Wahrnehmung“, kommentiert Angelika Wagner.