Von Edith Zundel

Ein Einsiedler sei Ken Wilber, hörte ich, er lasse sich nicht sprechen. Bisher kannte ich ihn nur von der Lektüre. Als erstes war mir ein Artikel von ihm in die Hände gefallen mit, dem komplizierten Titel „Developmental Spectrum and Psychopathology“. Es war ein Fund. Da war die verwirrende Fülle der Theorien, die sich mit der Entwicklung der Psyche und den Erklärungen ihrer Störungen beschäftigen, in eine Ordnung gebracht. Alles hatte plötzlich seinen Platz.

Dann hatte ich „Halbzeit der Evolution“ von Wilber gelesen, den Versuch die Entwicklungspsychologie in Analogien zu den Stufen in der Geschichte der Menschheit darzustellen: „Der Mensch auf dem Weg vom Tier zu den Göttern“; nicht gerade ein bescheidenes Unternehmen, aber wiederum sehr eindrucksvoll. Da trafen sich enzyklopädisches Wissen, Offenheit für unterschiedlichste Denkmodelle, präziser und bildkräftiger Stil mit ungewöhnlicher Kraft zur Zusammenschau und seltener Klarheit des Denkens.

Ich schrieb an Wilber. Als auf meinen Brief keine Antwort kam, flog ich nach Japan zum Kongreß der Internationalen Transpersonalen Gesellschaft. Wilber stand als Vortragender auf dem Programm. Kyoto im Frühling war wunderschön, die Begegnung mit den japanischen kulturellen und religiösen Traditionen unvergeßlich, aber Ken Wilber war nicht da. Präsent war er trotzdem. Ein prominenter Physiker jubelte ihn in seinem Vortrag hoch, und viele Hoffnungen richteten sich auf ihn. Unsichtbar sein ist keine schlechte Public-Relations-Technik, wenn man Ken Wilber heißt.

Ich fragte herum, wer ihn kennt. Der Präsident der Gesellschaft, Cecil Burney: „Wir sind befreundet. Er ist umgänglich und völlig unprätentiös.“ – Wie kann er, Geburtsjahrgang 1949, also ganze 37 Jahre jung, schon acht Bücher veröffentlich haben? „Er arbeitet sehr viel und hart, und er ist ein Genie“, stellte Roger Walsh lakonisch fest. Walsh ist Professor für Psychiatrie an der University of California. Seine Frau, Frances Vaughan, ehemalige Präsidentin der amerikanischen Gesellschaft für Transpersonale Psychologie, Professorin, Autorin und Therapeutin, ergänzte: „Er bringt auf den Begriff, was wir denken und nicht ausdrücken können“, und, fast mütterlich, setzt sie hinzu: „Man hat dauernd das Gefühl, für ihn sorgen zu müssen, sein einziger weltlicher Besitz war lange Zeit seine große Bibliothek.“

Mit Hilfe von Freunden und seinem deutschen Verlag versuchte ich später noch einmal, ein Interview mit Wilber zu bekommen. Als ich schon in San Francisco war, hatte ich noch immer keine feste Zusage. Und dann, plötzlich, ist er am Telephon: „Ich komme morgen nach San Francisco.“ Wir treffen uns in seiner kleinen Zweitwohnung in einem Vorort. Das Wohnzimmer ist mit Gartentisch und Stühlen ausstaffiert, durch die halbgeöffnete Tür sieht man eine Matratze auf dem Fußboden. Ken Wilber, barfuß, mit offenem Hemd – es ist ein warmer Sommertag – stellt ein Glas Saft für mich auf den Tisch und lacht: „Ich existiere wirklich.“

Sein Vater war Offizier der amerikanischen Luftwaffe und wurde viel versetzt. Ken Wilber ist „ohne Heimat, ohne Wurzeln“ aufgewachsen. „Wenn es mir schlecht geht, denke ich, es liegt daran.“ Er hat bei den vielen Umzügen aber auch gelernt, sich auf immer neue Menschen und Situationen einzustellen, für sie offen zu sein, zu vertrauen. „Wenn es mir gut geht, denke ich auch, es liegt daran.“