Von Rüdiger Dilloo

Zusammen haben wir drei Alpknechte diesen Sommer auf der Alp Serein in drei Monaten 18 000 Schweizer Franken verdient, von Mitte Juni bis Mitte September. Wir haben den Lohn durch drei geteilt, 6000 Franken für jeden, Senn, Zusenn und Hirt, und als es ans Tschausagen ging, da spürte der Zusenn im Hals einen Pfropf wie von schlecht geschmolznem Fonduekäs.

Die Kühe waren abgetrieben. Die Ställe leer. Dreieinhalb Tonnen Käs von den Bauern abgeholt. Unterm Kessi verbrannte Abfall. Die Alp war ein Krematorium, in dem der Sommer stinkend zu Asche wurde.

Der Zusenn putzte und räumte noch in der Sennhütte, als in der offenen Tür, schon stadtmäßig gekleidet, der Hirt erschien. Sie waren die letzten auf der Alp. Der Senn war mit den Hühnern, der Katze und seiner sonstigen Habe schon unterwegs ins Tal.

Am Hirten vorbei sah der Zusenn den Gremlin, der vollgepackt auf dem leergefegten Hüttenvorplatz stand. Der Hirt liebte schwere amerikanische Autos. Den Gremlin hatte er anfangs der Alpzeit mit einem Vorschuß auf den Alplohn für 500 Franken gekauft. Jetzt war die mächtig lange Kühlerhaube des Zweisitzers mit Dreck und Kuhscheiße bespritzt. Auf den Sitzbezügen aus imitiertem Leopardenfell lagen noch Reste von Heu, das sie in den Tagen vor dem Abtrieb den Kühen zugefüttert hatten.

Der Hirt knallte die flache Hand gegen den Türrahmen, blickte kurz auf und sagte: „Okay.“ Der Zusenn erstarrte. War das alles? Nach einem Vierteljahr, in dem sie täglich zusammen gewesen waren? Nichts war okay in diesem Moment. Er hätte brüllen und zuschlagen oder wenigstens fähig sein mögen, sich eiskalt umzudrehen und den anderen dumm dastehen zu lassen in seinen bonbonfarbenen Boutiqueklamotten. Stattdessen sagte er ein „Tschau“, das ihm selbst demütigend normal in den Ohren klang, worauf sofort der Hirt sich wandte, in den Gremlin stieg und den Motor anließ. Abfuhr.

Verglichen mit manch anderer Alp waren wir auf Serein aber drei wirklich liebe Lämmchen. Böckchen, um genau zu sein. Die Abschiedsszene mit Paolo, war für mein Gefühl die einzige Szene, die wir zwei uns heuer gemacht haben. Mich hatte einige Tage zuvor eine Nachricht von zu Hause getroffen wie den freien alten Fisch die Fangharpune. Ich hatte zugemacht, er desgleichen. Als wir uns ein paar Tage nach seinem Abgang, zum Glück, im Tal noch einmal trafen, haben wir uns umarmt und den Sommer abgeschlossen, wie er verlaufen war: freundschaftlich.