In den „Hauptstadtnotizen“ des seriösen Bonner General-Anzeigers wird „Vertrauliches“ mitgeteilt: Nach der Bundestagswahl soll der Chefredakteur der rechten Welt, Manfred Schell, Regierungssprecher Friedhelm Ost, freundlich als „glücklos“ bezeichnet, ablösen. Ost selber antwortet darauf den fragenden Journalisten mitleidig, sie müßten schon noch länger mit ihm leben. Aus dem Kanzleramt tönt es unwirsch: Völliger Blödsinn! Und der angeblich Auserwählte selbst? „Ich äußere mich nicht“, sagt Schell erst einmal, teilt aber dann doch mit: „Ich sehe meine Aufgabe auch künftig bei der Welt.“ Na immerhin, den getragenen Sprachstil amtlicher Verlautbarungen beherrscht der Journalist schon ganz gut. Und schließlich kann man seinem Kanzler auch an anderer Stelle dienen als im Bundespresseamt. Die Welt, teilt ihr Chefredakteur mit, befinde sich erstmals seit 14, 15 Jahren in einer Aufwärtsentwicklung.

Dennoch: Vom „bösen Feind“, wie man im Kanzleramt vermutet, muß das Gerücht durchaus nicht stammen – im Gegenteil. Andererseits: Wenn wir Kohl behalten, warum dann nicht auch gleich Ost? Er ist ja immerhin jemand, der uns ganz arglos wissen läßt, was der Kanzler wirklich gesagt hat.

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Mit der „neuen Zuversicht“ (Heiner Geißler) feierte tausendfacher CDU-Nachwuchs seinen Kanzler. „Wir wollen mitmachen, nicht miesmachen!“ jubelten die Jungen der Union auf ihrem Deutschlandtag in Köln und gingen ans Werk. Birne? Na klar! Birne ist prima und gehört ab sofort uns. Die weiche Frucht ist rehabilitiert: „I like Birne“, steht auf einem so geformten schwarz-rot-goldenen Aufkleber. Die Stimmung muß wirklich gut sein. Aber der Kanzler eilt schon zur nächsten Metapher. Derselbe Tag, an anderem Ort: Kohl geißelt den törichten Kulturpessimismus, streift kritisch den Mangel an Gottesglauben und kommt zu dem Schluß: „Hier müssen wir klar Leuchtturm sein.“ Und irgendwie gelingt es der SPD, des Kanzlers Doppelgestalt auf den diesem Niveau entsprechenden Wahlslogan „Bringt die Birne aus der Fassung“ zu quälen.

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Die Vergangenheit verschwinde gefälligst in der „Versenkung, nein, besser: Versunkenheit“ (F. J. Strauß), und obendrauf setzen wir ein Mahnmal in der schönen Bonner Rheinaue. Die Schrift wird den Geist von Dreggers „Gegenrede“ (zum Volkstrauertag) verströmen, gehalten im Jahre eins nach der „Rede“ des Bundespräsidenten vom 8. Mai 1985, die heute nur noch in Buchform zu haben ist. Am Wochenende traf sich in Bonn jene kleine Schar von Menschen, die mit der „Aktion Sühnezeichen“ Gedenkstätten für die von Nazis Ermordeten betreut – eine Arbeit, die immer noch auf Widerstand stößt und zu wenig staatliche Unterstützung findet, wie ihr Sprecher berichtet. Nur zehn dieser Initiativen können eigene Mitarbeiter bezahlen. Zum Beispiel Neuengamme bei Hamburg: ein Leiter, zwei Aufsichtspersonen, zwei Halbtags- und ein paar studentische Hilfskräfte für jährlich 50 000 Besucher und Besucherinnen dieser Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Zum Vergleich: Das Museum für Hamburgische Geschichte mit 100 000 Besuchern pro Jahr verfügt über 35 Stellen. Die „Aktion Sühnezeichen“ plädiert für weitere regionale Gedenkstätten, damit wir uns „präzise erinnern“ können (es gäbe da noch viel zu tun: 1634 Konzentrationslager und KZ-Außenstellen zählt das Bundesentschädigungsgesetz auf ehemaligem deutschen Reichsgebiet) – und sie ist gegen jenes geplante Bonner Mahnmal: Es werde die notwendige Differenzierung zwischen Tätern und Opfern bis zur Unkenntlichkeit verwischen.

Die Bonner Abgeordneten Peter Conradi von der SPD und Christian Ströbele von den Grünen waren der Einladung der „Aktion Sühnezeichen“ gefolgt, CDU-Fraktionsgeschäftsführer Bohl beschied den Wunsch nach Teilnahme, Mitte Oktober für Ende November geäußert: zu kurzfristig.

Margrit Gerste