Das Touristikgewerbe, das bislang in der Wirtschaftspolitik kaum eine Rolle spielte, rüstet sich für eine aktivere Standesvertretung. Der Deutsche Reisebüro-Verband (DRV) präsentierte sich auf seiner 36. Jahrestagung in Budapest erstmals auch als Branchenlobby.

Sie gehören zu den größten Arbeitgebern und zu den stärksten Umsatzträgern der deutschen Wirtschaft, aber in der Politik fristen die Touristiker eher ein Mauerblümchendasein. Der Reisebüro-Verband arbeitete jahrzehntelang ohne großes Echo außerhalb der eigenen Zirkel.

Das änderte sich erst, als der Verband vor einigen Monaten beschloß, von der ehrenamtlichen Führung abzurücken und einen hauptamtlichen Präsidenten einzusetzen. Mit Otto Schneider, dem langjährigen Geschäftsführer der Hapag-Lloyd-Reisebüros, war ein allseits anerkannter Fachmann gefunden worden. Er kann sich überdies auf einen hochkarätigen (ehrenamtlichen) Vorstand stützen.

Mitte November leitete Schneider zum ersten Mal in seiner neuen Funktion eine Verbandstagung, auf der bereits die neue Richtung erkennbar wurde: Der Reisebüro-Verband will künftig in Bonn und in den Medien so ernst genommen werden wie der Bauernverband oder die Stahlindustriellen. Der DRV forderte einen parlamentarischen Staatssekretär für Tourismus und einen entsprechenden Parlamentsausschuß, zumindest aber einen Unterausschuß. Präsident und Vorstand kündigten ferner an, sie wollten verhindern, daß die EG in der Bundesrepublik den Verkauf von Flugscheinen ohne Lizenz des Weltflugverbandes IATA genehmigt. Diese Lizenz ist die einzige firmenübergreifende Kategorisierung im ansonsten freien Reisebürogewerbe; sie bietet nach Meinung Schneiders eine Garantie dafür, daß nicht auch „McDonald’s-Stuben und Frisiersalons“ alle Arten von Flugreisen verhökern.

Der neue Ton war schon bei der Eröffnungsfeier der Tagung in Ungarn hörbar. Schneider lobte die in Budapest geübte Freizügigkeit im Reiseverkehr und erklärte dem stellvertretenden Ministerpräsidenten des Landes: „Das Maß der Ihren Bürgern gewährten Freiheit geht soweit – es ist traurig, daß eine eigentlich selbstverständliche Tatsache überhaupt erwähnt werden muß –, daß sie ohne Komplikationen ins Ausland, auch ins westliche Ausland, reisen dürfen. Ich wollte, wir könnten das auch von den Bürgern der DDR sagen.“

Die Ungarn nahmen die herbe-Kritik an ihrem sozialistischen Bruderstaat gelassen hin, den DRV-Mitgliedern stockte hingegen der Atem. Zum ersten Mal meldete sich ihr bislang politisch abstinenter Verband unüberhörbar zur Sache. Schneider bekam viel Beifall – im Gegensatz zu den beiden mit Grußworten angereisten Bundestagsabgeordneten, denen diskret der Rat galt, nicht mehr nur mit abgenutzten Politformeln oder gar mit Platitüden aufzutreten. Ein Tourismus-Staatssekretär, sollte er denn je kommen, muß sich auf eine aufmüpfig gewordene Tourismuslobby gefaßt machen. A.T.