Reagans Schlappe verlangt eigene Entscheidungen von Westeuropa

Von Christoph Bertram

Jede Krise birgt auch eine Chance. Noch haben die meisten Regierungen in Westeuropa nicht gemerkt, wie rasch der Nimbus Präsident Reagans in seinem eigenen Lande während der letzten Tage verblaßt ist. Seine politische Autorität ist geschrumpft. Wie anders aber könnte der Verfall amerikanischer Führungskraft wettgemacht werden als durch die Bereitschaft Europas, nun mit eigenen Initiativen die Politik des Westens voranzubringen?

Ronald Reagan wird zwar noch zwei Jahre lang im Weißen Haus residieren, er wird aber nicht mehr mit der gelassenen, gewinnenden Zuversicht regieren können, die seine Amtszeit bisher geprägt hat. Der Magier von Washington, der allen Fachleuten zum Trotz immer wieder instinktsicher und applausbewußt politische Erfolge wie Kaninchen aus dem Zylinder zog, hat über der verfahrenen Iran-Affäre seinen Zauber eingebüßt. Er wird ihn nie wieder voll zurückgewinnen – so sehr er auch seine ramponierte Autorität zu reparieren sucht, wie etwa durch das Bauernopfer des Sicherheitsberaters Poindexter.

Reagans Ausstrahlung verblaßt. Immer wieder hat er mit seiner Intuition alle Einwände und Bedenken beiseite geschoben, und immer wieder hat er mit seinen Appellen an die Bürger die Widerstände im Kongreß überwunden. Er machte Politik mit „Glauben“ und „Visionen“ – nicht von ungefähr kommen diese zwei Worte in so vielen seiner Reden vor. Dann aber versagte sein Instinkt – ausgerechnet, als seine mediokeren Ratgeber ihm ein neues Iran-Abenteuer aufschwatzten. Jetzt steht Ronald Reagan da wie ein begossener Pudel. Gesprächspartner berichten von einem zerfahrenen, unkonzentrierten Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Der Zauber ist gebrochen, der Zauberer auch.

Gewiß, Ronald Reagan ist ein Meister der politischen Wiederauferstehung. Auch jetzt ist denkbar, daß er die jüngste Schlappe mit jungenhaftem Kopfruck und gewinnendem Lächeln verdrängt und sich und der Welt suggeriert, alles sei wieder im Lot. Aber wahrscheinlich ist das nicht. Ein pragmatischer Politiker kann Pannen mit vernünftiger Politik ausbügeln, ein gestrauchelter Visionär dagegen bleibt angeschlagen. Das kann jedoch selbst für jene, die Reagans Politik in der Vergangenheit ablehnten, kein Grund zur Schadenfreude sein. Zuviel steht auf dem Spiel, wenn der führende Mann des Westens flügellahm geworden ist und es noch bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren bleiben wird.

Denn schon seit einiger Zeit ziehen in der Weltpolitik düstere Wolken auf. Nur wenige Wochen nach dem Beinahe-Gipfel von Reykjavik stagnieren die Abrüstungsgespräche zwischen den beiden Supermächten. Die Begegnung der Außenminister Shultz und Schewardnadse Anfang November in Wien endete in Verstimmung. Die jüngste Runde der Genfer Verhandlungen brachte keine Fortschritte, und auch das für Anfang Dezember anberaumte sowjetisch-amerikanische Expertentreffen wird nichts bewegen. Im Gegenteil, die Positionen beider Seiten haben sich verhärtet.