Das erste Buch von Barbara Klemm, die sich (neben Wolfgang Haut, ihrem Mentor) ihren Namen als Photographin der Frankfurter Allgemeinen gemacht hat, kommt ganz ohne Umschweife daher. Der Titel heißt einfach: „Bilder“. Und seine Leser empfängt der Bilderband nicht mit einem Essay, sondern nur mit einem anrührenden Vorwort, das in Wahrheit ein liebenswerter Brief ist, den die alte Dame Ellen Auerbach ihrer jungen Kollegin aus New York geschrieben hat und aus dem man erfährt, was sie an ihr bewundert (das „untrügliche dritte Auge“), was sie in den Bildern erkennt („das Baumige eines Baums, das Göttliche in einem verlausten Kind“), was sie überzeugt („der Respekt, die Selbstentäußerung und die Liebe für das, was die Photos zeigen“).

Und so fängt das Buch auch nicht mit einem tollen Treffer an, dem hastigen Dokument einer Schlagzeilen-Sensation, sondern mit einer Straßenszene aus irgendwo, aus Dettingen, einem der vier Dörfer dieses Namens, aber es könnte jedes sein: ein regnerischer Tag, grau, ein paar Leute, „nichts los“, es ist nur diese gewisse Atmosphäre – es ist der Blick der Photographin, es ist das Bild.

Die meisten dieser Bilder sind erhascht, Ereignis und Eingebung eines Augenblicks, von den Abgebildeten offenbar unbemerkt. Denn das ist ja meist der Witz: Menschen so darzustellen, wie sie sind, wenn sie sich unbeobachtet glauben, unbefangen, normal. Es sind vor allem gesellschaftspolitische Themen, die Barbara Klemms Interesse auf sich ziehen, wo immer es sie auf ihren jährlichen Auslandsreisen hinführt, also: Menschen in bestimmten Situationen, das heißt nicht selten in beklagenswerten Umständen.

Aber es ist selbstverständlich, daß es mit der dokumentarischen Erfassung allein niemals getan ist. Jedes dieser Photos ist auch ein Bild im klassischen Sinn. Sie gehorchen den ästhetischen Gesetzen der Form, sie sind im Sucher der Kamera unbewußt, sagen wir, unbemerkt bewußt „gebaut“ und entfalten gerade deswegen ihre eigenartige Dramatik: eine Versammlung der Swapo – eine siegesgewisse Steigerung; Bölls und Lafontaines Protest in Mutlangen – malerisch wie ein Historienbild; Flüchtlinge aus der Sahelzone – die trügerische Schönheit des Elends; Janis Joplin – man glaubt, ihren Gesang zu sehen; eine Szene aus Peking – eine Dreieckskomposition aus Maos Bild, einem Soldaten und einem Mann mit einem Einkaufsnetz, verbunden durch ein steinernes Geländer; ein Clochard auf einer Bank vor vier Hausfrauen – ein Bild wie von Doisneau.

Es gibt viele Bilder in dieser faszinierenden Sammlung, in denen Form und Inhalt einander steigern. Könnte es also sein, daß Barbara Klemm auch Stilleben faszinieren? Selber also Hand an Bilder zu legen, Szenen zu arrangieren? „Überhaupt nicht“, war ihre Antwort. Nur einmal habe sie eines gemacht, und wahrscheinlich nur deswegen, weil es keines war. „Es ist, glaube ich, sogar mein stärkstes Bild geworden.“

Sie erinnert sich noch genau, wie das war. Sie sah ein Schaufenster, mitten in New York. Der Laden war geschlossen, längst verlassen, aber nicht ganz leer. Müllsäcke aus Plastik standen davor, im Fenster hing eine Puppe, so groß wie sie Bauchredner manchmal benutzen. „Und plötzlich – ich hatte das Bild schon gemacht – sah ich, unter dem dunkelgrauen Plastiksack in der Tür, Füße. Und einen Handstock: einen Menschen, zusammengekauert schlafend. Dann mußte ich das gleich noch einmal und ein bißchen anders aufnehmen. Ich weiß noch, daß ich Stunden in der Lower Eastside herumgelaufen bin und nicht so recht gewußt habe, was wichtig genug war – aber dann war mir klar: für dieses Bild hatte es sich gelohnt.“

Ihr anderes Thema ist das Porträt, und am meisten faszinieren sie dabei Politiker und Künstler. Führt sie, wie sich vermuten ließe, sanft Regie dabei? Nein, sagt sie, nicht wirklich. Meist setzten sich die Leute schon von selber so hin, wie es ihr paßt. Kompliziert seien vielmehr ihre Anwesenheit und ihre Arbeit selber: von Photographen unentwegt genötigt, sind die berühmten Menschen reizbar geworden. „Man weiß nie“, sagt sie, „wie man da ,einsteigt‘, ob man Kontakt bekommt, wie eine Sitzung sich entwickeln wird.“