„Wenn der Wind weht“ von Jimmy T. Murakami

Day After in Sussex: Ein Rentnerehepaar, Jim und Hilda Bloggs, leben auf dem Land in einem kleinen Häuschen, als der Friede über der englischen Parklandschaft plötzlich ein Ende hat. Was man schon seit Tagen befürchtet, tritt ein: ein neuer Weltkrieg. „Es wird damit gerechnet, daß die Raketen uns in drei Minuten erreichen.“ Jim und Hilda haben sich nach Maßgabe amtlicher Broschüren vorbereitet und im Wohnzimmer einen Schutzraum errichtet. Natürlich hilft alles nichts, Jim und Hilda bekommen Hautkrebs und Haarausfall. Die Bloggs sterben den Atomtod.

Das Besondere an diesen Atomopfern: Sie sind gezeichnet, Trickfiguren. „Wenn der Wind weht“ ist ein Zeichentrickfilm. Eigentlich wäre es keine schlechte Idee, eine Katastrophe, die mit Stanislawski nicht mehr darzustellen ist, einfach zu zeichnen. Aber es wurde alles nur verniedlicht. Es ist kein Zufall, daß dieser Film zu Beginn der Weihnachtszeit auf den Markt kommt. In „Wenn der Wind weht“ verwandelt sich der Atomtod in einen Märchenstoff unserer Katastrophengesellschaft: Tante Hilda und Onkel Jim unter der Wolke. Wenn der Film Erfolg hat, sehen wir im nächsten Jahr Bambi im toten Wald und Daisy Duck in Wackersdorf. Kitsch ist der erste Schritt zum Vergessen. Helmut Schödel

„Die offizielle Geschichte“ von Luis Puenzo

Angesiedelt im Argentinien des Jahres 1983, ist dies ein Film über Gewalt und Schrecken, über Angst und Heuchelei. Mehr als 15 000 Bürger des südamerikanischen Staates verschwanden seit Beginn der Militärherrschaft 1976. Das „Verschwindenlassen“ von Menschen hatte Methode; Kinder und Kleinkinder waren nicht ausgenommen. Luis Puenzo zeigt, was da in seinem Land geschah, und zeigt, wie es geschah: nie offen, nach außen den Schein von Wohlanständigkeit wahrend.

Sein Film spielt im großbürgerlichen Milieu. Alicia, Geschichtslehrerin an einem Gymnasium – mit einem Finanzexperten verheiratet, Mutter eines Adoptivkindes–‚ verfolgt in ihrem Unterricht den offiziellen Kurs. Sie läßt nicht zu, daß Ereignisse der Vergangenheit in Diskussionen etwa über Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart münden. Doch dann wird sie durch eine aus dem Exil zurückgekehrte Freundin mit der Wahrheit konfrontiert.

Zunächst ahnt sie, dann wird es ihr mehr und mehr zur Gewißheit, daß sie ihre Adoptivtochter der Militärdiktatur verdankt, das Mädchen also eines jener „verschwundenen Kinder“ ist. Sie stellt Nachforschungen an und sie trifft zusammen mit jenen Frauen, die auf der Plaza de Mayo – Transparente mit den Namen ihrer verschwundenen Angehörigen tragend – nicht müde werden, auf das geschehene Unrecht hinzuweisen. In ihrem Mann findet Alicia keinen Mitstreiter. Er ist gefährlich verstrickt in dubiose Geschäfte, so tief, daß er seiner Frau schließlich nur noch mit Gewalt begegnen kann. Seine Tränen zu Ende des Films jedoch zeigen, daß hier ein Opfer eher als ein Täter agierte. Auch wenn in diesem mit dem Oscar 1986 ausgezeichneten Film viel geredet wird, schafft es der Regisseur dennoch, den Zuschauer die Atmosphäre latenten Terrors spüren zu lassen. Anne Frederiksen