Von Franz Frisch

Die Nachricht aus Braunschweig schien offenbar so unglaublich, daß sie von namhaften Baustoffprofis erst einmal als Schwindel abgetan wurde. Entsprechend groß war dann aber die Verblüffung der Experten, als sie erstmals Gelegenheit erhielten, die neue Technologie mit eigenen Augen zu sehen: Mit einem Verfahren, das bisheriges Kow-how der Werkstoff-Wissenschaftler gleichsam auf den Kopf stellte, produzierte das Braunschweiger Fraunhofer-Institut für Holzforschung den ersten Verbundwerkstoff aus den traditionellen Baustoffen Holz und Gips. Schon auf den ersten Blick schien ihm eine breite Anwendung sicher, denn er ließ sich zur Herstellung von Einbaumöbeln ebenso gut verwenden wie zum Innenausbau oder zum Fertigbau von Häusern, schonte gleich in mehrfacher Hinsicht die Umwelt und war darüber hinaus auch noch billiger zu produzieren als die bisher verwendeten Werkstoffe.

So skeptisch denn auch die Experten anfangs waren, so ausdauernd sind große deutsche Gipswerkstoff-Unternehmen seither bei der Anfechtung der von den Braunschweiger Forschern angemeldeten Schutzrechte. Sechs Jahre bereits dauert der Rechtsstreit um das 1979 angemeldete deutsche Patent, die endgültige Entscheidung des Bundespatentgerichts in München wird nun im kommenden Jahr erwartet. Auch das 1983 veröffentlichte Europa-Patent wird angefochten. Das 1982 erteilte US-Patent hingegen ist bereits rechtskräftig.

Es ist keine Bagatelle, um die hier gestritten wird. Rund zweieinhalb Milliarden Mark setzt allein die deutsche Holzwerkstoff-Industrie gegenwärtig pro Jahr mit Holzspanplatten um, dem wichtigsten Basismaterial der Möbelindustrie und weitverbreiteten Werkstoff beim Innenausbau von Gebäuden sowie beim Bau von Fertighäusern. 80 Prozent der produzierten Platten geben jedoch, je nach Preisklasse, mehr oder weniger Formaldehyd ab – ein Gas, das im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Zwar haben Chemieunternehmen inzwischen Bindemittel entwickelt, die kein Formaldehyd mehr emittieren, aber die damit produzierten Holzspanplatten sind teurer und haben einen dementsprechend geringen Marktanteil.

Ein weltweites Problem bildet zudem bei der Einrichtung großer Bauten – etwa von Hotels oder öffentlichen Gebäuden – die Feuergefahr. Der überwiegend benutzte Holzspan-Werkstoff brennt wie Holz, er gilt in der Bundesrepublik als „normal entflammbar“. Brandkatastrophen mit zahlreichen Todesopfern, etwa in Hotels auf allen Erdteilen, erinnern immer wieder an die Notwendigkeit eines besseren Flammschutzes.

Mit dem Verbundwerkstoff, der zu etwa gleichen Teilen aus Holz und Gips besteht, haben die Forscher in Braunschweig einen Weg gefunden, Formaldehyd- und Feuergefahr kostengünstig zu bannen. Da das Material keine Kunstharze als Bindemittel enthält, verströmt es auch kein Formaldehyd-Gas. Und obwohl es den angenehmen Eindruck eines Holzwerkstoffes vermittelt und sich ebensogut wie die heute üblichen Spanplatten bohren, sagen, schrauben, furnieren oder tapezieren läßt, bietet es aufgrund seines Gipsgehaltes dem Feuer entscheidenden Widerstand: Der neue Holz-Gips-Werkstoff, aus dem sich auch Möbel fertigen lassen, wurde nach deutschen Bestimmungen in die Baustoffklasse A2 – „schwer entflammbar“ – eingereiht.

Was die Experten zunächst so ungläubig den Kopf schütteln ließ, war die Tatsache, daß die Braunschweiger mit ihrer Erfindung einen alten Lehrsatz der Baustoff-Wissenschaftler außer Kraft gesetzt hatten: Gips, so besagte dieses „Gesetz“, ließe sich ausschließlich mit Wasser vermischt in „fließfähigem“ Zustand verarbeiten. Professor Gert Kossatz, Leiter des Braunschweiger Fraunhofer-Instituts, hatte jedoch entdeckt, daß die Fähigkeit poröser Stoffe, zum Beispiel Blähton, Perlit oder Holz, gespeichertes Wasser zurückzuhalten, geringer ist als die Fähigkeit des Bindemittels Gips, Wasser anzuziehen. Damit hatte Kossatz ein neuartiges Prinzip zur Herstellung eines Verbundwerkstoffs gefunden: Vermischt man trockenen, feinkörnigen Gips mit feuchten Holzfasern, dann entzieht der Gips dem Holz gerade so viel Wasser, wie zu einer festen Verbindung der beiden Komponenten nötig ist. So entsteht zunächst ein rieselfähiges Gemenge aus kleinen Holz-Gips-Partikeln. Dieses läßt sich nun in speziellen Produktionsanlagen problemlos zu festen Platten pressen. Die Herstellung erfordert im Vergleich zu den heute üblichen Holzspan- und Gipsmaterialien rund 60 Prozent weniger Wärmeenergie.