Hinter einer Himbeerhecke rankt an einem Maschendrahtzaun Knöterich, und wieder dahinter bilden Weißdorn, Eberesche, Felsenbirne und Hainbuche dichtes Gestrüpp. Es durchdringend, geriet ich an ein luftiges Nest, eingeflochten in die Ranken des Knöterichs. Drei oder vier Junge sperrten den Rachen auf, als aber das Geräusch, das ich verursachte, nicht das der anfliegenden Elternvögel war, duckten sie sich und waren still.

Waren es rote oder gelbe Rachen, die ich gesehen hatte? Ich wußte es nicht. Ich entfernte mich aus dem Gestrüpp. Aus der Entfernung war der Anflug der fütternden Vögel im dichten Grün des Laubwerks schwer auszumachen. Doch Geduld ist das eherne Gesetz für jeden, der Vögel beobachten will. Geduld, wie sie die Angler haben in ihren Booten auf einem stillen See; doch denen winkt am Abend, wenn sie Glück hatten, gebratener Hecht oder Zander, jedenfalls war das früher so. Wer sich in der Hecke versteckt, will nicht fangen, sondern sehen: Es war ein „Müllerchen“, eine Zaungrasmücke, das da gut einen Meter über dem Boden sein luftiges Nest gebaut hatte, ein Nest, in das, wenn er es findet, auch der Kuckuck sein Ei legt.

In Europa gibt es etwa 15 Grasmückenarten, von denen sich einige nur unmerklich voneinander unterscheiden. In Deutschland sind es fünf: die Dorngrasmücke, die Mönchs-, die Garten-, die Zaun- und die Sperbergrasmücke. Die Zaungrasmücke ist die kleinste; etwa zwölf bis dreizehn Zentimeter lang, wiegt sie auch nur um dreizehn Gramm. Es ist ein unscheinbares, grau-braunes Vögelchen, auf der Unterseite weiß, auch die äußeren Schwanzfedern können weiß sein. Behende und immer in Bewegung, doch immer auf Deckung bedacht, macht es eher durch seinen Gesang auf sich aufmerksam, als daß man es sieht. Naumann schreibt: „Das Männchen ist ein sehr fleißiger Sänger und läßt seinen Gesang vom frühen Morgen bis gegen Abend hören ... und der besteht aus einem langen Piano, aus allerlei zwitschernden und leise pfeifenden, mitunter schirkenden Tönen, dem als Schluß ein kurzes Forte angehängt ist.“

Grasmücken nisten in dichtem Gebüsch, in Hecken, mal etwas höher, mal niedriger über dem Boden, an Waldrändern, in Knicks, wie sie einmal die Landschaft in Norddeutschland prägten, am Feldrain, in wilden Brombeer- und Schlehenhecken und auch in Gärten, wenn es nicht allzu „gepflegte“ Gärten sind.

Häufiger als die Zaungrasmücke dürften auch heute noch die Gartengrasmücke und die Dorngrasmücke sein. Es sind sperlingsgroße Vögel, nur schlanker als ein Spatz und etwa 16 Gramm schwer. Die Gartengrasmücke gehört neben ihrer Schwester, der Mönchsgrasmücke, die sich von ihr durch eine schwarze Kappe unterscheidet, zu den „begnadeten“ Sängern. Durch ihren herrlichen Gesang, so meint Naumann, beleben sie Wälder, Gärten und Gebüsch und erfreuen damit ungemein. Die Sperbergrasmücke, gesperbert, also gefleckt und mit gelben Augen, auch fast doppelt so groß wie das „Müllerchen“, ist im Westen Deutschlands nie heimisch gewesen. Auch im Osten Deutschlands habe ich sie nie gesehen. Die vier anderen Grasmücken waren, je nach Landschaft, gemein bis häufig.

Die Grasmücken verlassen uns im Herbst. Sie ziehen nach Afrika, und die kleinste, das „Müllerchen“, fliegt bis in den Süden des Kontinents. Warum heißt die Zaungrasmücke „Müllerchen“? Naumann meint, weil ihr Federkleid wie mit Mehlstaub gepudert scheint. Andere wollen den Namen vom klappernden Gesang herleiten, der an ein Mühlrad erinnere. Der Name der Grasmücken hat nichts mit dem Gras auf der Wiese zu tun, er leitet sich aus dem Althochdeutschen ab: „Grasmucka“, Grauschlüpfer. Ein graues Vögelchen, das sich im Gebüsch verbirgt.

Die Grasmücken ziehen des Nachts, nicht in Schwärmen, sondern einzeln. Und auf ihrem Zuge nach Süden, das hat man vor dreißig Jahren mit einem künstlichen Sternenhimmel in Bremen belegt, orientieren sie sich am Sternenhimmel, auch Jungvögel, die in der Voliere aufgezogen worden waren, die nie einen Himmel gesehen hatten. Das Experiment, vielfach wiederholt, hat immer wieder das selbe Ergebnis gehabt. Dreizehn Gramm wiegt eine Zaungrasmücke und ihr Gehirn ist so groß wie der Kopf einer bunten Stecknadel. Damit findet sie sich in der Welt zurecht.