Von Jürgen Krönig

London, im November

Schon als sich Sir Robert Armstrong auf den Weg ins ferne Australien machte, hatte er deutliche Anzeichen von Nervosität und Anspannung erkennen lassen. Der Kabinettschef von Margaret Thatcher, ein Mann mit untadeligen Manieren, allerdings auch einer leicht herablassenden Arroganz, wie sie nicht selten ehemaligen Zöglingen der Elite-Schulen und -Universitäten zu eigen ist, wurde auf dem Londoner Flughafen Heathrow einem Photographen gegenüber handgreiflich. Ahnte da der Eaton- und Cambridge-Absolvent Armstrong schon, was ihm vor dem Gericht der ehemaligen britischen Kronkolonie Australien bevorstand? Oder schwante ihm gar, daß sich aus dem Prozeß der britischen Regierung gegen einen ehemaligen britischen Geheimagenten im Ruhestand und dessen Verleger ein politischer Skandal entwickeln könnte, dessen Größenordnung manche Kommentatoren schon mit der Westland-Krise zu Beginn dieses Jahres vergleichen? Die hatte Margaret Thatcher zwei Minister gekostet und ihre Position und Glaubwürdigkeit nachhaltig erschüttert.

In der parlamentarischen Aufarbeitung der Westland-Affäre hatte Armstrong als loyaler Diener seiner Chefin schwere Stunden vor dem Untersuchungsausschuß des Unterhauses kühl, abweisend und zugeknöpft gemeistert. Die Befragung durch die Abgeordneten aber war fast ein Kinderspiel verglichen mit den tagelangen Kreuzverhören in dem Gerichtssaal von Sidney, in denen Robert Armstrong gezwungen wurde, nach und nach mit immer neuen Teilwahrheiten herauszurücken und selbst geheimste Dokumente zu präsentieren. „Ein Kulturschock“ müsse es für Robert Armstrong gewesen sein, vor diesem Gericht Rede und Antwort zu stehen“, meinte ein schadenfroher, britischer Prozeßbeobachter. In dem australischen Gerichtssaal war so leicht kein stillschweigendes Einverständnis mit den in Großbritannien weiterhin als selbstverständlich akzeptierten ungeschriebenen Regeln herzustellen, die es der Regierung erlauben, vieles und gerade Unangenehmes unter der Decke zu halten, zumal dann, wenn das Zauberwort „Nationale Sicherheit“ gefallen ist.

Auspacken und kassieren

Eben aus Gründen der „Nationalen Sicherheit“ hat die Londoner Regierung den Prozeß gegen Peter Wright, einen ehemaligen Agenten des MI 5, der britischen Spionageabwehr, angestrengt. Denn der kränkelnde 71jährige Wright, mittlerweile australischer Staatsbürger und Pferdezüchter, möchte zum Schluß seines Lebens auspacken und natürlich noch einmal kräftig kassieren; er will in seinen Memoiren unter dem vorläufigen Arbeitstitel „Agentenjäger“ (The Spy Catcher) den Beweis führen, daß der Chef des MI 5 von 1956 bis 1965, Sir Roger Hollis, ein mole, ein Maulwurf, ein sowjetischer Langzeitagent war. Im Grunde ist das eine Geschichte, wie sie John le Carré so oft in seinen Romanen variiert hat. Nur eben handelt es sich bei Wrights Erzählungen um Realität, jedenfalls so, wie er sie sieht, nicht um Dichtung; aber vielleicht hat auch der frühere Geheimdienstmann le Carré eigentlich im Grunde eine wahre Geschichte erzählen wollen und sich nur des risikoloseren und auf Dauer einträglicheren Mittels der Fiktion bedient.