Über Hermann Burger, seinen Erzählungsband „Blankenburg“ und die Frankfurter Poetik-Vorlesung

Von Otto A. Böhmer

Der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger, Jahrgang 1942, ist ein vielseitiger Mann. Er kann dichten und zaubern, er liest und er lehrt, und er hat Bücher geschrieben, inzwischen mehr als sechs an der Zahl. Burger gehört nicht zu jenen sogenannten freien Autoren, die nur noch im Wohnkeller werkeln, um von dort aus ihre Sendschreiben an den Rest der Welt aufsteigen zu lassen – er, Burger, hat etwas zu sagen, und er macht dabei, befeuert von einer enzyklopädisch genährten und dem Absonderlichen verpflichteten Belesenheitsphantasie, sehr gern sehr viele Worte.

Dieser Autor, der Privatdozent für deutsche Literatur an der ETH Zürich ist und zudem noch als Feuilletonredakteur beim Aargauer Tagblatt amtiert, hat sein „Schreibend-Sein“, so scheint es, zu einer wahrhaft kunstfertigen und ausgeklügelten „Stilform“ entwickelt, „der Realität zu begegnen“. Burger – er berichtete darüber in seiner eindrucksvollen Frankfurter Poetik-Vorlesung „Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben“, die inzwischen auch als Buch vorliegt – verwendet bei der „Herstellung einer Fiktion ... immer wieder die Technik der schleifenden Schnitte zwischen Realem und Irrealem, die Verfremdung der Kenntlichkeit“. Man müsse die Verhältnisse, die der Schriftsteller umstülpt, noch erkennen oder wieder erkennen, aber so, „als wäre man vom Teufelsstein aus einmal um die Welt gewandert und kehrte von der Gegenseite wieder zu ihm zurück“. Burgers Ziel: „Einen Gegenstand mit Wörtern anpacken, bis er sein anderes, sein wahres Gesicht zeigt.“

Hermann Burger mutet der Sprache, die er zu zwirbeln und zu triezen versteht wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor, verdächtig viel zu. Mit ihr kann er Bilder nachstellen, berichten, erzählen, Außenansichten erhellen und den inneren Bezirk abschreiten. Burger hat sich „auf das Abenteuer der sprachlichen Gesetzgebung“ eingelassen, und er ist dabei Abenteuer-Reiseveranstalter, Animateur und gestrenger Studienleiter in einer Person. Wer nicht nachkommt auf seinen Exkursionen, wer die sorgfältig inszenierten Veranstaltungen und Erkundigungen in den Nebenhöhlen der leseprallen Wissenswelt nicht mitmachen will, hat selber schuld und mag sich anderweitig vergnügen.

Die Sprache ist für Burger „das immer neu zu bauende Mikroskop“, mit dem der Autor feinste Vergrößerungen zustande bringt und ins Bild setzt, was er für mitteilenswert hält. Das ist zunächst einmal nur „das Circensische“, „Magische“, nicht aber „der Alltag der Normalität“ oder „die wahre Physik der Dinge“. Der „Schreiber“ begnügt sich nicht „mit der Rohexistenz“; er, der offen sein soll „für das ganz andere“, steigt die alte Wendeltreppe hinab „zur phantastischen Pararealität“, die möglicherweise nicht mehr ist als die Gruft seltsamer Träume. Dort schlüpft er in „Rollen“ und dringt zügig „zur anderen Realität vor“, die ihn „umgibt wie eine Hülle“. Aus der Hülle aber „sind möglichst viele Zipfel zu greifen“, um das Stücklein Erde, auf dem er steht, „mit dem Tuch zu bedecken, mit der Sprache“.

Burger, der ein versierter, ja: ein austrainierter Schreiber ist, dem es anscheinend durchweg gelingt, sein ideales Kampfgewicht an den Schreibtisch zu bringen, hat sich einen bis ins Nebensächlichste reichenden „Welt-Bezug“ verordnet; um ihm gerecht werden zu können, unterzieht er sich systematischer Sprach-Arbeit auch in den Fitness-Studios und Schulungsräumen anderer Branchen. Er macht sich kundig, um auf jeder Manuskriptseite „kompetent argumentieren“ zu können, und so taucht er ein in die Idiome der tatkräftig Tüchtigen, der Moribunden und wissenschaftlichen Spitzenklöppler.