III. Programm, WDR, 4. 12., 22.15 Uhr; HR, 26. 12., 21.55 Uhr; SWF, 26. 12., 22.30 Uhr: „Ich stehe noch immer vor der Türe des Lebens“, ein Film über Robert Walser von Peter Hamm.

Plötzlich sieht man Schnee fallen, langsam schiebt sich eine flirrende, zitternde Fläche vor die Kamera, das Bild löst sich auf in weißes, rieselndes Licht. Ein Film über Robert Walser, das muß ein Film sein über eine Auflösung, über ein Verschwinden, ein Unsichtbarwerden. Eine Emanzipation, eine Ich-Entstehung wird umgekehrt, zurückgedreht ins weiße Wesenlose, für das „Schnee“ nur eine abgründig hübsche, eine Walsersche Metapher ist.

Peter Hamm geht mit seinem Film das Wagnis ein: ein Poetenleben einmal nicht als Selbstfindung zu zeigen, sondern als Selbstauslöschung. Eher pflichtschuldig absolviert er die biographischen Stationen, die westschweizer Kindheit, die Jahre als Commis, die Versuche Walsers, in Deutschland – in Stuttgart, München und Berlin – als Schriftsteller Fuß zu fassen, die Rückkehr nach Biel und Bern, der Rückzug schließlich nach Herisau, in die „Heilanstalt“.

Pflichtschuldig – weil die „äußere“ Biographie nur wenig von den Antagonismen dieser verborgenen Existenz verrät, die erst in dem Moment zu leben beginnt, in dem sie sich der eigenen Biographie entzieht, die sich selber kaum interessiert für das, was man so eine „Biographie“ nennt.

Behutsam nähert sich Hamm diesem „Fluchtpunkt“ (im wahrsten Sinne des Wortes) der Walserschen Person, ohne dreist zu behaupten, diese kennen, sie porträtieren zu wollen. Das hätte Robert Walser weder ihm noch irgend jemandem sonst je erlaubt.

Hamms Methode erscheint plausibel: neben dokumentarische Passagen setzt er längere Textausschnitte, läßt Schriftstellerkollegen von heute, Urs Widmer, Gerhard Meier, Peter Bichsel und den Namensvetter Martin Walser, Prosa des Dichters lesen und kommentieren. So entsteht völlig unpsychologisch, rein literarisch ein faszinierendes, häufig irritierendes Psychogramm dieses großen „Verzichtsvirtuosen“. Der Film zeigt, wie sich der Autor des „Jakob von Gunten“ und der „Geschwister Tanner“ langsam „fortschreibt“ von sich und aus der Welt heraus – bis hin zu den Mikrogrammen, auch als Person immer kleiner werdend unter seinem großen „Einsamkeitshimmel“ (Martin Walser).

Anfang und Schlußbilder zeigen den toten Robert Walser, getroffen vom Schlag auf einem seiner geliebten Spaziergänge: ein freundlicher alter Mann, eingebettet, heimgekehrt in die weiße Einsamkeit des Schnees. Und mehr, das deutet Hamm mit diesem Rahmen an, ist über das Genie Robert Walser eigentlich nicht zu zeigen, nicht zu sagen. Benedikt Erenz