Von Hans Otto Eglau

Ich will Ihnen mal zeigen, wie ich angefangen habe“, sagt Helmut Gies, geht an seine Teakholzwand, öffnet eine Tür und zieht unter den Akten ein etwas vergilbtes Dossier hervor. „Über die rechtlichen Möglichkeiten und wirtschaftlichen Aussichten einer Übernahme der Oldenburgischen Versicherungsgesellschaft“ lautet der Titel. Bereits zwei Monate nach seinem Eintritt in die damalige Aachener und Münchener Feuerversicherung-Gesellschaft hatte der gerade 31 Jahre junge Jurist im Herbst 1960 seinen Vorstand mit dem Strategiepapier überrascht. Noch im selben Jahr wurde die Assekuranzfirma eingegliedert. Gies: „Das war der erste Schritt zum Konzern.“

Den vorerst letzten, ungleich spektakuläreren Schritt machte der inzwischen 57jährige Chef der Aachener und Münchener Beteiligungs-AG (AMB) Mitte November. Zum Preis von knapp zwei Milliarden Mark übernahm er von der Gewerkschaftsholding BGAG fünfzig Prozent des Kapitals plus eine Aktie der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG). Mit der AMB-Mehrheit bei der sechstgrößten privaten Geschäftsbank der Bundesrepublik (Bilanzsumme: 63,7 Milliarden Mark) hat zum ersten Mal eine Versicherungsgruppe einen beherrschenden Einfluß auf ein führendes deutsches Geldinstitut gewonnen.

Die Milliardenfusion auf dem Höhepunkt der Krise um die Neue Heimat rückte einen Finanzmanager ins Rampenlicht, dessen Namen außerhalb der Versicherungswirtschaft bis dahin kaum jemand kannte. Der aus Herzogenrath, ganz in der Nähe von Aachen, stammende Allianz-Chef Wolfgang Schieren repräsentiert seinen als Spitzenreiter unangefochtenen Versicherungskonzern immerhin in so prestigeträchtigen Aufsichtsräten wie denen von Siemens und Thyssen, MAN, Karstadt und Metallgesellschaft. Für den ersten Mann der fünftgrößten deutschen Assekuranzgruppe verzeichnet Hoppenstedts Kompendium „Leitende Männer der Wirtschaft“ außerhalb des Einflußbereichs seiner Gruppe lediglich einen Kontrollsitz beim Eschweiler Bergwerksverein. Mehr als lokale Reputation vermittelt die Mitgliedschaft in der Jury nicht, die alljährlich engagierte Europäer für den Karlspreis nominiert, der im Aachener Rathaus verliehen wird.

Der Publizitätsvorsprung des Münchner Rivalen dürfte ihn gelegentlich gewurmt haben, doch der Aachener Versicherungsmanager verfolgte seine Ziele unauffällig. Gies macht aus seiner vermeintlichen Schwäche denn auch beredt eine Stärke: „Ich habe mich ganz auf dieses Haus konzentrieren können und meine Kraft nicht durch Aufgaben in Verbänden und Gremien gebunden.“ In der Tat kann sich die Leistung des unterschätzten Strategen mit dem krüsseligen grauen Haar und der Napoleon-Statur sehen lassen. Als er anfing, beschäftigte die müde Provinzversicherung gerade etwas mehr als 700 Mitarbeiter. Inzwischen dirigiert Gies eine Belegschaft von rund achttausend Leuten.

Eine glänzende Managerkarriere schien dem in Mönchengladbach geborenen Sohn des Geschäftsführers einer Großhandelsfirma allerdings kaum vorherbestimmt zu sein. Der promovierte Jurist, der seine Dissertation über ein staatsphilosophisches Thema bei Ernst von Hippel in Köln geschrieben hatte, wollte vielmehr zunächst Wirtschaftsprüfer werden. Doch als Angestellter der Deutschen Treuhand-Gesellschaft hatte er 1957 das Glück, am Wiederaufbau des von den Alliierten nach 1945 entflochtenen Düsseldorfer Mannesmann-Konzerns mitwirken zu können. „Ich habe hier in der Praxis gelernt, wie man Unternehmen zusammenführt und wie man die dabei auftretenden wirtschaftlichen und steuerlichen Probleme löst“, beschreibt Gies seine Lehrzeit.

Mit 31 drängte es ihn jedoch ins praktische Geschäft. Damals hielt die Aachener und Münchener gerade nach einem Justitiar Ausschau. Treuhand-Vorstand Baron von Richter gab seinem jungen Mann den Tip, sich um die Position zu bemühen („Da können Sie einen Konzern bauen“) und arrangierte beim damaligen Generaldirektor Lothar Brückner sogar einen Vorstellungstermin. Als er die Vorstandsetage wieder verließ, hatte der junge Familienvater den Job in der Tasche.