Schwäbisch Hall

Gäbe es den unseligen Ausspruch des Bühlerzeller Sägereibesitzers Guido Kohnle nicht, die beschämende Auseinandersetzung um einen Kinderfriedhof aus der Nazi-Zeit hätte kaum Schlagzeilen über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus gemacht. Doch der Geschäftsmann, auch Eigentümer eines kleinen Elektrizitätswerkes an dem Flüßchen Bühler, wiederholte ohne Selbstzweifel vor surrenden Fernsehkameras, was er zuvor schon als ehrenamtlicher und stellvertretender Bürgermeister des Ortes in der Gemeinderatssitzung geäußert hatte. Die im Gantenwald bei Bühlerzell begrabenen – richtiger ist wohl: verscharrten – Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Dritten Reich seien „Zufallsprodukte sexueller Freuden und ihr Tod kein Nazi-Verbrechen“. Dies geschah vor vier Jahren, seitdem ist die nur 1800 Einwohner zählende Gemeinde im Kreis Schwäbisch Hall im nordöstlichen Landesteil des Südweststaates gespalten.

Ein früherer Gemeinderat Bühlerzells hatte im Sommer 1982 bei einem Spaziergang die von hohem Gras und Gesträuch überwucherten und halbverfaulten Holzkreuze im Dickicht des Gantenwaldes entdeckt – ein Gräberfeld, auf dem mindestens 25 Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen aus Polen, Rußland, Holland und Belgien begraben sind. Die Lokalzeitung recherchierte und brachte folgendes an den Tag: Von 1943 an mußten ausländische Zwangsarbeiterinnen aus dem süddeutschen Einzugsbereich ihre Kinder in der sogenannten Entbindungs- und Kinderpflegeanstalt Bühlerzell-Gantenwald zur Welt bringen.

Der Ort liegt zwanzig Kilometer südlich der idyllisch-mittelalterlichen Festspielstadt Schwäbisch Hall, wo seinerzeit im Konzentrationslager Hessental 182 Menschen umgekommen waren. Ein Bauernhaus im Weiler Gantenwald – heute wohnen dort 30 Leute – diente als Entbindungsheim. Augenzeugen berichteten über katastrophale hygienische und menschliche Verhältnisse. Eine deutsche Hausverwalterin und eine russische Hebamme führten das Regiment. Die Hebamme traktierte die Mütter während der Geburt mit einem Stock. Bis zu fünfzig Schwangere lagen dicht gedrängt Schulter an Schulter.

Überlebten die Frauen die Geburt, mußten sie ihre Säuglinge in den meisten Fällen zurücklassen und auf den Bauernhöfen die Fronarbeit weiterverrichten. Die Neugeborenen wurden miserabel ernährt – meist mit Mehlbrei und Magermilch. Zu viert lagen sie in ihren Bettchen, mit aufgeblähten Hungerbäuchen und Mundfäule – von anderen Krankheiten ganz zu schweigen. Diejenigen, die starben, wurden, in Schuhkartons verschnürt, im nahen Wald verscharrt.

Bereits vor zehn Jahren hatte der Gemeinderat beim Landratsamt die Auflösung des „polnischen Friedhofs“ beantragt. Doch die Kreisverwaltung lehnte ab. Die Gräber seien den Ruhestätten der Opfer von Kriegs- und Gewaltherrschaft gleichzusetzen und müßten daher bewahrt und gepflegt werden. Der Gemeinderat rang sich damals zu Holzkreuzen durch und ließ sie dann unter meterhohem Dickicht verschwinden. Das geschah nicht ohne Billigung der Gemeinde.

Der Sägereibesitzer Kohnle sprach gewiß vielen Bürgern aus dem Herzen: „Wenn man die ganze Vergangenheit ausgräbt, dann bezichtigen wir angesehene Leute, die aus menschlichen Gründen diese polnischen und ukrainischen Zwangsarbeiterinnen geschwängert haben. Dann bezichtigen wir die, obwohl sie schon längst gestorben sind und wir beleidigen heute deren Familien.“ Doch es gab auch Gemeindemitglieder, die anders dachten und ein Komitee „Gedenkstätte Gantenwald“ gründeten. Der Gemeinderat entschloß sich schließlich, einen kleinen Friedhof anzulegen, errichtete die Gräber von zwölf Säuglingen und einer 19jährigen polnischen Zwangsarbeiterin. Eine Gedenkstätte aber lehnte er bis heute ab.