Reedereien und Veranstalter haben zum ersten Mal den deutschen Kreuzfahrtenmarkt analysiert. Das Ergebnis überrascht.

Nun weiß die Reiseindustrie endlich, wie der typische deutsche Kreuzfahrer ausschaut: Er kommt aus dem Binnenland, hat eine 13tägige Mittelmeerkreuzfahrt gebucht und dafür 3850 Mark bezahlt. Das Seepassage-Komitee Deutschland (SPKD), in dem die deutschen Reedereien und die großen Kreuzfahrtenanbieter zusammengeschlossen sind, hat über ein Jahr lang diesen Markt studiert.

Insgesamt haben nach der vorerst nur in einigen Punkten bekannt gewordenen Studie 1985 genau 157 234 Bundesbürger bei 18 Reedereien beziehungsweise zwölf Seereiseveranstaltern eine Kreuzfahrt gebucht. Damit wurde ein Umsatz von 605 Millionen Mark erzielt.

Dabei dürfte es die deutschen Anbieter wohl selbst überrascht haben, daß die traditionelle, lange Seereise kaum (noch) gefragt ist. Nur 5,2 Prozent der Schifftouristen sind mehr als 22 Tage unterwegs. Mehr als die Hälfte geht zwischen neun und 15 Tage auf Kreuzfahrt. Der durchschnittliche Reisepreis von 3850 Mark läßt ebenfalls vermuten, daß die groß herausgestellte, luxuriöse Traumschifftour zwar sehr werbewirksam sein mag, die erschwingliche „Kreuzfahrt ohne Nerz“ aber wohl die gefragtere ist.

Eine Untersuchung des für 1987 aufgelegten Kreuzfahrtenprogramms zeigt, wohin die Reise im nächsten Jahr gehen wird. Insgesamt 116 Schiffe kreuzen dabei auf 2476 verschiedenen Routen und laufen 850 Häfen in aller Welt an. 925 dieser bei uns angebotenen Seetrips finden in europäischen Gewässern statt, etwas mehr noch, 968, führen in die Karibik. Zwei Drittel aller deutschen Kunden entscheiden sich für die Europareise, nur zehn Prozent für die Karibik. Wie die Fachleute die wirtschaftliche Entwicklung des Kreuzfahrtengeschäftes einschätzen, geht aus den bisher veröffentlichten Teilen der Studie nicht hervor. Vermutlich sind allerdings mehrere Reedereien und Veranstalter in diesem Jahr nicht sehr zufrieden.

Die Entführung der „Achille Laura“ schreckte zahlreiche Seeurlauber ab. Als dies wieder vergessen schien, stellten die Vorgänge um Libyen und dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Reedereien im Mittelmeer vor neue Probleme. Insbesondere die amerikanischen Passagiere blieben im Sommer in dieser Region fast vollständig aus. Mehrere Eigner hatten daher ihre Schiffe vom Mittelmeer in die Karibik umdirigiert, was im dortigen, schon vorher von Überkapazitäten geplagten Geschäft die Situation noch verschärfte und zum Preisverfall der Kreuzfahrten generell führte. Seereisen, versichern Marktkenner, seien heute kaum teurer als vor zehn Jahren.

Die Zukunft der Schiffstouristik auf den großen Weltmeeren wird auch auf längere Sicht vorwiegend von den amerikanischen Unternehmen bestimmt. In den USA, wo die Schiffsreise einen viel bedeutenderen Marktanteil hält als in Europa, stellen sich die Reedereien längst auf neue Formen des Meeresurlaubs ein. Geplant und gebaut werden dort zur Zeit riesige Ferieninseln, die nicht mehr von Hafen zu Hafen kreuzen, sondern mit Schwimmbädern, Sportanlagen und Palmengärten an Bord den Reisenden praktisch Strandurlaub auf hoher See vermitteln.

Europäische Reedereien, warnen Experten, werden angesichts der Gigantomie der Amerikaner international nur noch dann Chancen haben, wenn sie gute alte Kreuzfahrtentradition pflegen und/oder sich spezialisieren. Willi Bremkes