Hamburg: „Stefan Szczesny“

Ist er ein Wilder – oder ist er ein Donatello unter den Wilden, einer, der sich an den alten und älteren Meistern, an der Kunst der Vergangenheit orientiert? Stefan Szczesny war dabei, als die Neuen Wilden noch neu waren. Jetzt sind sie, nicht nur biologisch, in die Jahre gekommen. Die Bauchmalerei, wenn es sie je gegeben haben sollte, ist vorbei, und allein mit der Heftigkeit ist kein Staat und kein Bild zu machen. Was nun Stefan Szczesny angeht, so wäre es falsch zu vermuten, er habe sich den veränderten Zeitläuften, den aktuellen Trends angepaßt. Er hatte das nämlich nicht nötig, weil er das Bild nie einem vehementen Gefühlssturm überantwortet, weil er es intelligent organisiert und gestaltet hat. Selbst die riesigen, mit Figuren, Gegenständen, Ereignissen überfüllten Leinwände waren und sind nicht chaotisch, sondern inszeniertes, kalkuliertes Chaos. Seine Immunität gegen den emotionalen Überschwang der „Wilden“ verdankt der Maler offensichtlich seiner profunden kunsthistorischen Bildung, dem Umgang, der produktiven Auseinandersetzung mit der Kunst aller Epochen. Italien, der Aufenthalt in der Villa Massimo, hat seine Affinität zur Antike nicht erst geweckt, aber so weit verstärkt, daß er die ehrenvolle Einladung erhielt, für die Münchner Glyptothek, eines der schönsten Antikenmuseen der Welt, fünf Monumentalgemälde herzustellen, die sich inhaltlich und formal auf die dort versammelten Statuen beziehen. Ein in der Tat beispielloses und gelungenes Experiment, die Antike im zeitgenössischen Jargon zu interpretieren. Auch in dem Zyklus der „Badenden“, der vor zwei Jahren bei Hans Barlach in Hamburg ausgestellt war, waren die vielen direkten oder ironisch verschlüsselten Anspielungen auf die Vorbilder, von Rubens und Ingres bis zu Matisse, Dufy, Picasso nicht zu übersehen. Die jetzige Kollektion, Bilder aus den Jahren 1981 bis 1986, steht unter dem etwas irritierenden Titel „Stilleben – stillife – nature morte“, irritierend deshalb, weil die Bilder sich alles andere als still oder stillebenhaft aufführen. Dinge, Gedanken, Assoziationen, bestimmbare und unbestimmbare Gebilde werden zu einer harten Konfrontation zusammengezwungen, wobei sich sehr eigentümliche thematische Bezüge („Skulptur auf der Wiese“, „Im Schatten der Großstadt“, ein Memento-mori-Stilleben) ergeben und die furios entfesselten Farben zu ihren Gegenständen zurückfinden. (Galerie Hans Barlach, bis zum 20. Dezember, Katalog 28 Mark)

Gottfried Sello