DIE ZEIT: Herr Hansen, von der ersten Assistenz bei Edwin Fischer 1934 in Berlin bis zu Ihren letzten beiden „offiziellen“ Schülern 1986 in Lübeck – das sind über 50 Jahre Lehrtätigkeit am Klavier. Kann man etwas Grundsätzliches sagen über einen Unterschied zwischen dem Vorgestern und dem Heute?

Conrad Hansen: Edwin Fischer war 1931 Nachfolger von Arthur Schnabel an der Berliner Hochschule geworden. Er hatte damals natürlich große Konzertaufträge und war einfach dauernd unterwegs, vor allem im Winter. 1934 fragte er mich: „Willst Du nicht die Klasse im Wintersemester machen?“ Ich war sehr erschrocken, habe es aber gemacht und sehr großen Gefallen daran gefunden. Dabei habe ich eine fundamentale Erkenntnis gewonnen: daß hier in Deutschland etwas nicht vollzogen wurde, nämlich eine echte fundamentale pianistische Ausbildung. Sie fand einfach nicht statt; weder bei Gieseking, noch bei Schnabel, noch bei Fischer, noch bei Kempff, noch bei Erdmann, bei niemandem.

DIE ZEIT: Woran mag das gelegen haben?

Hansen: Es herrscht bei uns kein Interesse am – wie kann man das gut ausdrücken? Es gibt zwei Dinge: es gibt das Instrument und den Körper. Wenn ich eine Stimme habe, muß ich sie ausbilden. Ich kann nicht gleich mit der „Traviata“ anfangen. Auch ein Schauspieler muß zunächst einmal sprechen lernen. Ähnliches gilt für uns Pianisten, nur: das ist für Schüler wie für Lehrer unbequem. Sie müssen die Leute zurücknehmen, um ihre Funktion zu klären, um ihre Körperlichkeit kennenzulernen. Die Ballettmädchen müssen jeden Tag drei Stunden an der Stange Training absolvieren, und das ist verdammt hart. Diese Härte bringen unsere Instrumentalisten im allgemeinen nicht auf. Die zeigen nur eine allgemeine Neigung: Ich will Musik machen – und die Folge ist, daß an der Basis zu wenig getan wird. Erst seit einigen Jahren wird sehr gut nachgeholt bei den Jugendmusikschulen, und es hat auch großen Erfolg gebracht.

DIE ZEIT: Sie haben selber diese harte Arbeit über sich ergehen lassen ...

Hansen: Ich habe es gesucht sieben Jahre lang, von 1934 bis 1940. Und dann hatte ich es, aber sieben Jahre habe ich gebraucht. Diese sieben Jahre werden in Japan oder Rußland im Alter von vier bis vierzehn gemacht.

DIE ZEIT: Und warum institutionalisieren wir es bei uns nicht so, daß es auch von vier bis vierzehn abläuft?