Von Ernst Hess

Beim katalonischen Aufstand waren sie alle dabei: die Kalbermatten, Imboden, Henzen oder Lehner. Als Söldner standen sie im Dienst der spanischen Krone zwar, aber zäh und ausdauernd, wie Lötschentaler Bergbauern eben sind. Laut Sterbebuch fielen in der Schlacht von Lerida (1644) sechs Männer aus Wiler, ihr weißes Seidenbanner mit dem roten Kreuz kann man noch heute im Pfarrarchiv von Kippel bewundern.

Schon möglich, daß der Lehner Kari auch Söldner geworden wäre statt Hüttenwirt auf der Lauchernalp. Aber seit 1848 verbietet die Schweizer Bundesverfassung den Kriegsdienst unter fremder Fahne, nur der Vatikan darf seine Garde noch aus den Walliser Bergtälern rekrutieren. So ist der Kari Skilehrer geworden, Bergführer und nach dem Tode seines kinderlosen Onkels auch noch Inhaber einer urgemütlichen Hütte. Über den blankgescheuerten Holztischen hängt ein Diplom vom 12. 1. 1982. Darin wird „Herrn Karl Lehner vom Finanzdepartement des Kantons Wallis“ die Fähigkeit bescheinigt, ein Hotel zu führen.

Nun ist die Lauchernalp im Lötschental weiß Gott alles andere als ein Hotel. Und als Gast kommt man schon gar nicht in Versuchung, sich über die Minibar herzumachen. Denn so etwas gibt es in gut 2000 Meter Höhe ebensowenig wie Klimaanlage oder Whirlpool. Die Zivilisation bleibt unten an der Talstation in Wiler, wo alle halbe Stunde eine blaue Gondel ablegt. „Unsere Gäste sind abends todmüde“, sagt Brigitte Lehner, die Cousine des Hüttenwirts, „die fallen in die Betten und schlafen sofort.“ Da untertreibt das Gritli allerdings, denn manche fallen nach drei Litern Fendant auch schon mal vom Stuhl oder finden ihr Bett nur unter größten Schwierigkeiten. Das gehöre eben zu einem zünftigen Hüttenleben, versichert der Kari augenzwinkernd.

So ohne weiteres findet man die Lauchernalp nicht. Denn zum Leidwesen von Verkehrsdirektor Peter Böhni drunten in Wiler gehört das Lötschental im Kanton Wallis zu den letzten weißen Flecken auf der alpinen Tourismuskarte. Es nützt auch wenig, daß die „Internationale Skistraße“ vom Jungfraujoch über die Lötschenlücke hinunter nach Goppenstein führt. Einer solchen Tortur unterwerfen sich nur austrainierte Profis, die jedem Lift aus dem Wege gehen. „Es ist schon so, daß wir noch erhebliche Kapazitäten freihaben“, gibt Direktor Böhni ehrlich zu. „Andererseits sind die kurzen Wartezeiten und eine weitgehend unberührte Natur unser Kapital, um das uns viele Skistationen beneiden.“

Schneesicher ist die Lauchernalp allemal. Bis weit ins Frühjahr hinein sind Tiefschnee-Abfahrten vom Hockenhorn (3293 Meter) bis nach Kipten (1400 Meter) möglich. Und wenn im Tal tatsächlich die ersten Krokusse blühen, fliegt Pius Henzen seine Schüler mit dem Helikopter in wenigen Minuten zu den Firnfeldern Petersgrat und Ebnefluh. Der stämmige Bergführer aus Wiler leitet seit Jahren die „Ausbildung in Fels und Eis“ auf der Lauchernalp, ein alpines Trainingscamp für Leute mit ungebremstem Ehrgeiz. Wer die 350 Franken für sechs Tage berappt hat, darf mit hoher Rendite als Tourenfahrer rechnen.

Das klingt zunächst verdächtig nach Streß und Leistung, entpuppt sich jedoch bei näherem Hinsehen als Mordsgaudi. Denn die allseits beliebten Einkehrschwünge fallen bei Pius keineswegs fort. „Wir haben Dänen, Engländer und Amerikaner über den Gitzifurgge-Gletscher hinunter nach Leukerbad im Rhônetal gebracht, die kommen jedes Jahr wieder“, sagt Henzen zufrieden. Schweiß und Spaß schließen sich offensichtlich nicht aus, zumal unterwegs gutbestückte Almhütten anzufahren sind. Schweizer Insider haben das Tiefschneeparadies zwischen Balmhorn und den drei Rothörnern im Südwesten schon länger entdeckt, ihr Geheimnis allerdings für sich behalten.