Von Joachim Riedl

Nur noch aus seltenem Anlaß vernehmen die Gläubigen im Iran die Stimme ihres Oberhauptes. Ajatollah Ruhollah Chomeini, der Wächter der islamischen Revolution, lebt zurückgezogen und überläßt das politische Geschäft den zerstrittenen Satrapen. Er ist 86 Jahre alt, eine Reihe von Herzattacken hat seine Gesundheit angegriffen. Am Donnerstag vergangener Woche brach der altersschwache Führer jedoch sein langes, beharrliches Schweigen.

„Was ist denn in euch gefahren“, zürnte der greise Imam. „Warum sollten wir uns dem Westen, dem Satan, zuwenden? Warum sollten wir Zwietracht in den Herzen unseres Landes säen? Wo gehen wir denn hin?“

Im „Schwarzen Haus“ in Washington habe sich eine „gewaltige Explosion“ ereignet, erzählte Chomeini seinen Zuhörern in einer Moschee im Norden von Teheran. Die Vereinigten Staaten, die vor sieben Jahren alle Beziehungen abgebrochen hatten, „bitten nun um Verzeihung“ und versuchten, sich das Wohlwollen der Islamischen Republik zu erkaufen; man habe jedoch die Emissäre des „großen Satans“ wieder unverrichteterdinge heimgeschickt. Dies, erklärte Chomeini, sei „ein Sieg, größer als alle anderen Siege“.

Für Präsident Ronald Reagan war es die peinlichste Niederlage seiner sechsjährigen Amtszeit: Die Amerikaner haben ihm das Vertrauen aufgekündigt, Minister, hohe Staatsbeamte und Geheimdiplomaten bezichtigen einander grober Fahrlässigkeiten, und die mehrheitlich oppositionellen Kongreßabgeordneten fühlen sich hintergangen. Sie haben dem Präsidenten parlamentarische Untersuchungskommissionen angekündigt; sie drohen, seine Macht mit verschärften Gesetzen weiter zu beschneiden; sie fordern den Rücktritt der Verantwortlichen an der blamablen Staatsoperette.

Meinungsumfragen am Wochenende ergaben, daß 59 Prozent der Amerikaner ihren Präsidenten für einen Lügner halten; sein Beliebtheitsgrad fiel um zehn Prozentpunkte. Selbst treue Anhänger glauben, Ronald Reagan habe seine Prinzipien verraten. „Das war einer der schwersten Fehler, der jemals in der amerikanischen Außenpolitik begangen worden ist“, grollte sogar Senator Barry Goldwater, als dessen Wahlredner Reagan einst seine politische Karriere begonnen hatte. In kleinem Kreis soll der Mentor des Präsidenten hinzugefügt haben: „Jetzt geht sein Arsch auf Grundeis!“

Unerschütterlich weigerte sich Reagan, einen Fehler einzugestehen: „Es war ein riskantes Spiel.“ Achtzehn Monate lang hatte eine kleine Gruppe ehrgeiziger Beamter aus dem „Nationalen Sicherheitsrat“ versucht, über geheime Kanäle iranische Politiker mit Waffenlieferungen ins amerikanische Lager zu ködern. Reagan stellte eine Sondervollmacht aus, die das Embargo, das sein Vorgänger Jimmy Carter 1979 nach der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran verhängt hatte, außer Kraft setzte. Er überging die Einwände von Außenminister George Shultz und Verteidigungsminister Caspar Weinberger. Er verpflichtete sogar den Direktor des Geheimdienstes CIA, William Casey, schriftlich zum Schweigen und hielt das Unternehmen, insbesondere vor allen Abgeordneten, geheim – ob Reagan damit die gesetzliche Auflage, die eine „zeitgerechte“ Information des Parlaments vorschreibt, auch de jure verletzt hat, darüber streiten zur Zeit die Experten.