Die Vortragsweise mittelalterlicher Dichtung ist trotz emsiger Bemühungen seitens der Musik- und Literaturwissenschaft bis heute umrätselt. Das hängt vor allem mit der problematischen Überlieferungslage der alten Melodien zusammen. Die vorliegenden Plattenaufnahmen, die von dem Wiener Sänger (und Juristen) Eberhard Kummer, einem erfahrenen und ausgewiesenen Spezialisten für historische Liedkunst, eingespielt wurden, gehen auf ausgedehnte interdisziplinäre Forschungen und Vorarbeiten zurück, deren Ergebnisse freilich wiederum nur als „wahrscheinlich“ und keineswegs als gesichert gelten können. Immerhin ist der Versuch lohnend, etwa das „Nibelungenlied“ (um 1200) im modifizierten „Hildebrandston“ zu singen – einer Melodie, die indessen erst dreieinhalb Jahrhunderte nach der Niederschrift des Werkes bezeugt ist und deren Ursprünge im 13. Jahrhundert nur vermutet werden.

Der „Hildebrandston“ eröffnet ein hohes Maß an musikalischen Differenzierungsmöglichkeiten, die beim Vortrag der weit über 2000 Strophen dieses Epos die Gefahr der Monotonie zumindest verringern.

Grundsätzlich gilt ohnehin, daß wir beim mittelalterlichen Publikum von völlig anderen Hörgewohnheiten und einer höheren Sensibilität als heute ausgehen dürfen. Gleichwohl scheint es reichlich mutig, diesen „Hildebrandston“ auch auf die „Alterselegie“ Walthers von der Vogelweide und auf einige frühe Lieder des Kürenbergers anzuwenden, nur weil diese Werke ebenfalls der „Nibelungen-Strophe“ verwandt sind.

Die Platten-Kassette bereitet denn auch neben dem fremdartigen Klangreiz vor allem das akademische Vergnügen an der Spekulation über mögliche Darbietungsformen der donauländischen Dichtung. Der Aufnahme ist ein sehr informatives Begleitheft mit Einführung, Kommentaren, Texten und Übersetzungen beigefügt.

Etwas lebendiger als beim „Hildebrandston“ geht es bei der Platte mit Neidhardt-Liedern zu, deren (wiederum von E. Kummer vorgestellte) musikalische Gestalt mit karger Selbstbegleitung (besonders mit Drehleier und Schoßharfe) ebenfalls nur einen hypothetischen Anspruch auf historische künstlerische Authentizität erheben kann. Viel stärker kommt hier in der instrumentalen Umrahmung und Vortragsgestaltung der Stimmungsgehalt der einzelnen Strophen zur Geltung.

Das Nibelungenlied – Der von Kürenberg – Walther von der Vogelweide. Im „Hilaebrandston“ gesungen von Eberhard Kummer (2 LPs, PAN 150 005/6)

Lieder und Reigen des Mittelalters: Neidhart „von Reuental“. Gesang, Drehleier und Schoßharfe: Eberhard Kummer (PAN 170 005)

Rüdiger Krohn