Endlich eine gute Nachricht“, freute sich Thomas Mann im Herbst 1936 in der Emigration: Der deutsche Pazifist Carl von Ossietzky hatte den Friedensnobelpreis erhalten. Um ein Haar hätte er ihn nicht bekommen. Welch mühseliger, uneigennütziger Überzeugungsarbeit es bedurfte, damit das norwegische Komitee den KZ-Häftling erkor, und welche Widerstände es dabei zu überwinden galt, erzählt Willy Brandt in einem Beitrag für ein Buch, das zum 50. Jahrestag der Preisverleihung erschienen ist,

Helmut Donat/Adolf Wild (Hrsg.): Carl von Ossietzky. Republikaner ohne Republik; Donat & Temmen Verlag, Bremen 1986; 112 S., 18 DM.

Der junge Emigrant Brandt hat von Oslo aus die verschiedenen Initiativen aus dem Ausland koordiniert und war auch wegen seiner Beziehungen zur norwegischen Sozialdemokratie äußerst nützlich. Die Kampagne für Ossietzky ist bis heute ermutigend für Unternehmungen wie die von amnesty international.

Ossietzky, ehedem Herausgeber der Weltbühne und Vorstandsmitglied der Liga für Menschenrechte, Republikaner der ersten Stunde („Wir betrachteten die Demokratie nicht als einen Vorwand, wie meinten sie“), war einer der prominentesten politischen Gefangenen im Reiche Hitlers. Die Flucht hatte er verschmäht, so wie er schon in der Endphase der Weimarer Republik lieber ins Gefängnis gegangen war, statt ins Ausland zu fliehen, nachdem ihn das Reichsgericht wegen Landesverrats verurteilt hatte (er war presserechtlich verantwortlich für einen Artikel über die geheime Aufrüstung der Reichswehr). Willy Brandt hebt hervor, daß die Geschichte den Kampf der Weltbühne gegen den Militarismus und seine konspirativen Unternehmungen gerechtfertigt habe, ein Satz, der immer noch notwendig ist in einem Land, wo man schon wieder im Wahlkampf den ultrarechten Nationalisten Konzessionen macht.

Die Herausgeber haben drei bisher in Deutschland unbekannte Artikel Ossietzkys ausgegraben, die er 1920/21 für die Neue Schweizer Zeitung schrieb; er hielt den Kampf um die Abrüstung für ein europäisches Thema. Zwei Jahre nach dem Versailler Frieden sah er die Reaktion wieder auf dem Marsch. Damals schon prophezeite Ossietzky der Weimarer Republik „zwanzig bittere Jahre“ – er hat sich um acht verschätzt.

Berühmte Männer in der ganzen Welt wurden zu Fürsprechern und Schutzengeln Ossietzkys: Romain Rolland, Karl Barth, Bertrand Russell, H. G. Wells, Thomas und Heinrich Mann, Albert Einstein. Doch ehe sie aktiv wurden, bedurfte es der Vorarbeit von zwei Frauen – der norwegischen Studienrätin Mimi Sverdrup-Lunden und der nach Paris emigrierten Weltbühnen-Mitarbeiterin Hilde Walter, die eine internationale Bewegung in Gang setzten. Nach 1945 wollten übrigens die Kommunisten den ganzen Ruhm für sich beanspruchen; schon deswegen ist dies Buch wichtig, das die Maßstäbe zurechtrückt.

Historisch war die Preisverleihung am 23. November 1936 die erste mutige Tat des demokratischen Auslandes gegen die nationalsozialistische Diktatur. Die Nazis sahen sich gezwungen, den an Tbc erkrankten Häftling aus dem KZ herauszuholen; er ist 1938 in einem Privatsanatorium gestorben. Zur Preisverleihung durfte er nicht nach Oslo reisen, immerhin telegraphieren: „Dankbar für die unerwartete Ehrung.“ kj