Kaum drei Wochen nach dem Brand bei Sandoz in Basel löste ein Unfall bei BASF in Ludwigshafen neuen Umweltalarm am Rhein aus.

Die BASF nennt die Chemikalien nach wie vor „mindergiftig“, die vergangene Woche aus ihren Kühlwasserleitungen in den Rhein quollen und erneut einen Wasseralarm mit Brunnenstillegungen auslösten. In ersten Meldungen war von 1100, später dann von 2000 Kilogramm Unkrautvertilger die Rede, die rheinab gegangen seien. Die verharmlosenden Meldungen des Ludwigshafener Chemiekonzerns wurden vom rheinlandpfälzischen Umweltministerium zunächst brav nachgebetet.

Die Tagesschau meldete erst einmal, „Essigsäure“ sei in den Rhein geflossen. Tatsächlich handelte es sich um 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, auch bekannt und berüchtigt unter dem Kürzel 2,4-D oder „chemische Sense“. Peinlich vermieden BASF und die Behörden zunächst die Nennung dieser enthüllenden Bezeichnungen, die sofort die verheerenden „Entlaubungsaktionen der amerikanischen Armee im Vietnamkrieg“ in Erinnerung riefen: 2,4-D war der Hauptbestandteil des Chemikaliengemisches Agent Orange, das Flugzeuge über dem Dschungel versprühten. Seit vielen Jahren klagen Vietnamesen und Vietnam-Veteranen über schwere Gesundheitsschäden infolge der Entlaubungsaktion, insbesondere über Krebserkrankungen und Mißbildungen bei ihren Kindern.

Dieser Kausalzusammenhang ist bis heute heftig umstritten. Als hauptverdächtige Gifte gelten Dioxine, die als Verunreinigungen in Agent Orange enthalten waren und insbesondere während der Produktion von 2,4,5-T entstehen, dem zweiten wichtigen Wirkstoff im Agent Orange. 2,4,5-T ist chemisch ein enger Verwandter der BASF-Sense und ist heute in der Bundesrepublik verboten. Der letzte Produzent war Boehringer in Hamburg.

Aus der Fachliteratur ist bekannt, daß auch bei der Herstellung von 2,4-D Dioxine entstehen können. Auf Bitten des rheinlandpfälzischen Umweltministeriums untersuchte deshalb das Bundesgesundheitsamt Schlammproben aus den BASF-Kühlleitungen – und fand vorläufig Spuren zweier Dioxine, die allerdings deutlich weniger giftig sind als das Seveso-Dioxin. Bemerkenswert ist dabei: Die Proben im Kühlkreislauf wurden von der BASF selbst gezogen. Der zu Überwachende lieferte sich also selbst ans Messer – oder auch nicht? Nach welchem Verfahren genau und welche Menge an 2,4-D bei BASF hergestellt wird – das ist Produktionsgeheimnis.

Vor wenigen Monaten wurde eine amerikanische Studie des Nationalen Krebsforschungsinstitutes in Bethesda bekannt, wonach Landwirte, die häufig 2,4-D auf ihre Acker streuen, wesentlich häufiger an Lymphdrüsenkrebs erkranken als der Durchschnitt der Bevölkerung. Allein in den Vereinigten Staaten gelangen alljährlich rund 25 Millionen Kilogramm 2,4-D in die Umwelt, über die Hälfte davon als Pflanzenschutzmittel zur privaten Garten- und Vorgarten-Pflege.

Entsprechende Zahlen für die Bundesrepublik sind nicht bekannt. Sicher ist jedenfalls, daß der Streit um die möglicherweise krebserregende Wirkung dieser Substanz noch lange schwelen wird. Obwohl 2,4-D seit nunmehr 40 Jahren produziert wird, gibt es noch keine umfassenden Studien darüber, ob die bei seiner Herstellung anfallenden Dioxine und Furane eventuell krebserzeugend, erbgut- oder embryoschädigend sind. Vor allem in den Produktionsrückständen dürften Dioxine und Furane angereichert sein. Wie hoch diese belastet sind und wie sie „entsorgt“ werden – das bleibt Produktionsgeheimnis.

Will man BASF glauben, dann war der ganze amtliche Wasseralarm für die Katz. Am Dienstag dieser Woche verkündete die Firma, es habe „zu keiner Zeit eine Gefährdung für Mensch, Tier und das Ökosystem des Rheins“ bestanden. Die maximal im Rheinwasser bei Mainz beobachtete Menge sei so gering gewesen, daß „auch nach neuesten toxikologischen Erkenntnissen ein Erwachsener sein ganzes Leben lang täglich 15 Liter Wasser“ mit dieser im Rhein beobachteten 2,4-D-Menge trinken könne, „ohne davon Schaden zu nehmen“. Gutgläubige könnten sich also mit Rheinwasser zuprosten – wenn die Serie der Umweltskandale am Rhein nur zum Ende käme. Doch ausgerechnet an dem Tag, da der Chemiekonzern seine zweifelhafte Stellungnahme abgab, begann eine fast dreizehn Kilometer lange und stellenweise dreihundert Meter breite Ölspur auf dem Rhein bei Wiesbaden zu treiben. HST