Gerüchte über Beteiligungskäufe im Finanzbereich nehmen zu

Jahrzehntelang war für die Manager von Banken und Versicherungen die Finanzwelt in Ordnung. Die Bundesbürger legten ihre Groschen brav auf den niedrig verzinslichen Sparkonten an und sorgten mit einigen Versicherungspolicen für die Unbill des Alltags und für den Lebensabend vor. Ärger gab es erst, als den Banken zu dämmern begann, daß die Assekurrenz sich ein immer größeres Stück vom lukrativen Spargeld-Kuchen abschnitt. Zahlten die privaten Haushalte 1980 nur 21 Prozent ihrer Spargroschen bei den Versicherungskonzernen ein, waren es im vorigen Jahr schon knapp 32 Prozent, im ersten Halbjahr 1986 sogar über 34 Prozent.

Zwei andere Faktoren kommen hinzu, die neue Gruppierungen im Finanzbereich nahelegen: Der Kontakt zu ihren Kunden dürfte bei den Banken in Zukunft kaum zunehmen. Schon heute werden wichtige Routinedienstleistungen im Zahlungsverkehr am Bargeldautomaten vor der Eingangstür der Banken erledigt. Der Trend geht klar in Richtung Automation, wenigstens im Massengeschäft.

Das spart Geld, hat aber einen entscheidenden Nachteil – der Kundenkontakt wird loser, die Serviceleistungen der einzelnen Banken werden austauschbarer. Auch deshalb müssen die Banken bedacht sein, zumindest ihre anspruchsvollen Angebote auszubauen, wenn möglich die Palette – etwa um Versicherungspolicen – zu erweitern.

Und eine andere Überlegung kommt hinzu. Kaum ein Bereich der Wirtschaft wächst noch so rasch wie die Finanzbranche. Schon seit einigen Jahren basteln daher vor allem Amerikaner, Engländer und Japaner immer größere Finanzkonzerne zusammen. Auch Branchenfremde drängen ins Geldgeschäft. So sucht zum Beispiel der britische Tabakriese BAT seit langem fast alles zusammen, was mit dem Finanzgeschäft zu tun hat.

Hierzulande hinkt man der Entwicklung noch hinterher. Wie so oft bleibt es dem Branchenprimus vorbehalten, Flagge zu zeigen. Die Deutsche Bank preschte vor und präsentierte ihren Sparplan mit Versicherungsschutz. Das belebte zwar die Diskussion, aber noch hielten die Dämme.

Das könnte jetzt anders werden, denn Helmut Gies, Chef der Aachener und Münchener Versicherungsgruppe, wird in Zukunft bei der Bank für Gemeinwirtschaft das Sagen haben. Für 1,9 Milliarden Mark kaufte er den durch die Neue Heimat angeschlagenen Gewerkschaften fünfzig Prozent und eine Aktie der Großbank ab. Nun hat zum ersten Mal ein Versicherer ein breites Netz von Filialen im gesamten Bundesgebiet. Und sofort brodelt die Gerüchteküche. Da soll sich die Deutsche Bank für eine Beteiligung an der Victoria Lebensversicherung interessieren, und es werden die alten Geschichten eines über die Jahre aufgestockten Aktienpakets der Allianz Holding an der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank wieder aufgewärmt. Jetzt grübeln Börsianer über den zukünftigen Besitzer einer Beteiligung von 37 Prozent an der Nordstern Versicherung, die schon seit geraumer Zeit von der Aachener und Münchener Gruppe angeboten wird.