Von Siggi Seuß-Weihmann

Landschaften hinter Rauchschwaden fliegen vorbei am Abteilfenster des Wagens Nr. 2, Zug-Nummer 19 281, Nürnberg ab 10.50 Uhr, Neuenmarkt-Wirsberg an 13 Uhr, der Nostalgiezug mit einer Dampflokomotive der Baureihe 23 an der Spitze und acht historischen Wagen stampft auf der landschaftlich wohl schönsten Eisenbahnstrecke im Norden Bayerns, sieben Tunnel durchquerend, hinauf an den Rand von Fichtelgebirge und Frankenwald. 300 Fahrgäste, junge und alte Eisenbahnfreunde, geraten dabei ins Schwärmen.

Je mehr Dampf und Rauchschwaden an meinem regennassen Abteilfenster vorüberziehen, je mehr die Stadtlandschaften dahinter verschwinden, desto mehr verklärt sich die nüchterne Wirklichkeit, und plötzlich bin ich für Augenblicke wieder Kind. Erinnerungsfetzen tauchen auf: Interzonenzug Hof-Dresden, irgendwann Anfang der sechziger Jahre. Ein Kitzeln in der Magengegend, die lustvolle Spannung vor der Fahrt, der Geruch von Kohlestaub, Bohnerwachs und Kunstleder, das monotone Geratter der Räder, das sich jäh verändert, wenn der Zug in einen Bahnhof einfährt, die näselnde Stimme des sächsischen Schaffners, die blecherne Ansage aus dem Lautsprecher auf Bahnsteig 14 des Dresdner Hauptbahnhofs. Dann die Hetze durch die schummrig beleuchteten Unterführungen, um den Vorortzug, der draußen in der Dunkelheit auf Bahnsteig 3a wartet, noch rechtzeitig zu ereichen. Dort steht die Lok, eine alte 24er, bereits unter Dampf.

Abenteuer Eisenbahnfahrt. Unterwegs zu sein schien wichtiger als das Ankommen. Die Fahrt als Ziel. Die Spannung sank schlagartig, wenn mich die Großeltern auf dem Bahnsteig in Empfang nahmen. Sehnsüchtig schaute ich dem anfahrenden Zug hinterher, bis die letzten Lichter hinter dem Stellwerk verschwanden.

Szenenwechsel: Ich schrecke unvermittelt aus meinen Gedanken auf. Durch den Lautsprecher im Abteil tönt die Stimme des Reiseleiters. Begrüßung, Servicehinweise, technische Erklärungen bis ins Detail. Lokomotivdaten, Wagenbeschreibung, Zuglänge, Geschwindigkeit, Gewicht. Dann Musik, Western- und Countrysongs, unterbrochen von Informationen über den Streckenverlauf. Einige Eisenbahnfreunde beschweren sich über die Musikberieselung. Sie stehen mit Tonbandgeräten und Diktaphonen ausgerüstet im Flur, in den Übergängen zu den benachbarten Wagen und an den Fenstern, um die Zuggeräusche aufzunehmen. Riskante Kunststücke – wer beugt sich am weitesten hinaus – sind vor allem bei Tunneleinfahrten zu beobachten. Von dort – wie von den Bahnsteigen – winken Photo- und Filmfans, die sich mit Kamera, Stativ und Richtmikrophon plazierten, eigens für die zehn Sekunden der Vorbeifahrt.

Unterdessen bittet der Reiseleiter in den historischen Speisewagen: „Für die Gäste, die von fern anreisen, empfehlen wir unsere original Nürnberger Bratwürste!“ Zwar schmecken die Würste mehr nach Dose als nach Nürnberg, aber was macht das schon angesichts des Dreißiger-Jahre-Flairs, das die gediegene Holztäfelung des Speisesalons ausstrahlt. Wir nähern uns dem Ziel der Reise. Zu den Klängen von „The Yellow Rose of Texas“ fahren wir an der Abzweigung der „leider stillegungsgefährdeten“ Nebenstrecke nach Warmensteinach vorbei und erreichen schließlich Neuenmarkt-Wirsberg, wo kurz nach unserer Ankunft ein weiterer Nostalgieexpreß, mit der legendären „01“ an der Spitze, eintrifft.

Nach eingehender Betrachtung des Kolosses drängen – was bleibt bei Regen anderes übrig? – die Freunde der Eisenbahn in den ehemaligen Lokschuppen, in dem das Deutsche Dampflok-Museum Platz gefunden hat. Die 20 ausrangierten Ungetüme stehen allerdings im Schatten „unserer“ Lokomotiven, die in Richtung „Schiefe Ebene“, der größten Steigungsstrecke der Bundesbahn, abdampfen. Die Schar der Dokumentaristen auf der Bahnüberführung verschwindet im Rauch, und mein Abteilnachbar, Historiker von Beruf, schwärmt seiner Partnerin vor, wie ästhetisch ein Schwenk mit der Kamera über den dampfbelegten Bahnhof im Gegenlicht sei. So habe er ihn bereits bei seinem letzten Besuch vor elf Jahren erlebt.