Was hat der Frankfurter Intendant Günther Rühle wirklich gesagt?

Von Hans Schueler

Rainer Werner Fassbinders Schauspiel „Der Müll, die Stadt und der Tod“ wird in Frankfurt am Main solange nicht aufgeführt werden, wie Günther Rühle dort Intendant der Städtischen Bühnen ist. Im Gegenzug wird der Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt gegen Rühle „nicht den Vorwurf des Antisemitismus erheben“. Dies dürfen wir einem jüngst protokollierten gerichtlichen Vergleich entnehmen, mit dem der Bühnenchef und die Juden der Stadt gut ein Jahr nach dem Streit um die Uraufführung ihren Frieden miteinander gemacht haben. Die Frage, ob nach Auschwitz in einem deutschen Theater ein schlimmer deutscher Jude nach dem Vorbild des „Jud Süß“ vorgeführt werden darf, unterliegt also der Verständigung in Form „wechselseitigen Nachgebens“, wie die Zivilprozeßordnung das ausdrückt.

Ursprünglich war sie in aller ihr gebührenden Schärfe gestellt worden: nach dem Rangverhältnis nämlich zwischen der vom Grundgesetz garantierten Kunstfreiheit und dem Grundrecht auf Schutz der Menschenwürde. Kann der Anspruch eines Autors oder einer Bühne als seines Interpreten, Kunst unter die Leute zu bringen, es rechtfertigen, eine rassische oder religiöse Minderheit zu diskriminieren? Genau dies tut das Fassbinder-Stück, indem es einen namenlosen Angehörigen dieser Minderheit („Der reiche Jude“) als Bösewicht darstellt, nicht weil es nun einmal unter den Juden wie unter anderen Menschen auch Bösewichte gibt, sondern weil er ein Jude ist.

Nach dem Frankfurter Vergleich wird es auf diese wichtige Frage nun keine höchstrichterliche Antwort mehr geben. Doch vielleicht bekommen wir sie auf Umwegen. Denn der Streit um das Stück und seine Folgen wird vom Intendanten Rühle auf einem Nebenkriegsschauplatz weitergeführt. Schon im Sommer dieses Jahres hatte das Landgericht Frankfurt auf seinen Antrag dem in Israel lebenden, deutsch-jüdischen Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder per einstweiliger Verfügung untersagt, wörtlich oder sinngemäß zu behaupten, Günther Rühle habe im Hinblick auf seine – vor Jahresfrist getroffene und jetzt widerrufene – Entscheidung für die Aufführung des Stückes „Die Stadt, der Müll und der Tod“ im Zusammenhang mit den Juden in Deutschland gesagt, das „Ende der Schonzeit“ sei „erreicht“.

Broder hatte dies erstmals in einem von der Süddeutschen Zeitung im Januar 1986 gedruckten Artikel unter der Überschrift „Antisemitismus – ja bitte!“ behauptet und das Zitat später in sein Buch „Der ewige Antisemit“ aufgenommen, das im Mai im Fischer-Taschenbuch-Verlag erschien. Diesem Buch galt die Verbots Verfügung; es konnte fortan nur mehr erscheinen, nachdem der inkriminierte Satz geschwärzt worden war. Auch eine vom Athenäum-Verlag bereits gedruckte. Dokumentation über den Frankfurter Streit mit dem Titel „Die Fassbinder-Kontroverse oder das Ende der Schonzeit“ überzog Rühle mit einem Verfügungsverfahren; der Verlag hat daraufhin auf die weitere Auslieferung bis zu einer endgültigen richterlichen Entscheidung verzichtet.

Inzwischen steht Behauptung gegen Behauptung und mehr noch: Beweis gegen Beweis. Der Intendant erklärte öffentlich und ließ durch eidesstattliche Versicherung vor Gericht belegen, er habe den ihm zugeschriebenen Satz vom „Ende der Schonzeit“ für die Juden nie gesprochen; ja, er habe überhaupt erst durch Henryk M. Broders Artikel in der Süddeutschen erfahren, daß er ihm zugeschrieben werde.