Von Matthias Naß

Die Bilder aus Korea haben erschreckt: Sieht so die Stadt der nächsten Olympischen Sommerspiele aus? Einen Tag lang befand sich Südkoreas Zehn-Millionen-Metropole im Belagerungszustand. Siebzigtausend Polizisten riegelten die Straßenkreuzungen im Zentrum ab und blockierten die U-Bahn-Ausgänge, Polizei sicherte Regierungsgebäude und Rundfunkstationen. Mit heruntergeklapptem Visier und emporgereckten Metallschilden verhinderte die martialische Streitmacht eine von der Regierung verbotene Kundgebung der Opposition.

Es hatte die bisher größte Manifestation für die von der Opposition geforderten direkten Präsidentschaftswahlen werden sollen. Doch die wenigen tausend Demonstranten, die der furchterregenden Heerschau trotzten, wurden mit Tränengasgranaten rasch auseinandergetrieben. Präsident Chun Doo Hwan ist zur Konfrontation entschlossen. Sah es noch im Frühjahr so aus, als könne im Streit um den künftigen Modus der Präsidentschaftswahl ein Verfassungskompromiß gefunden werden, so stehen sich die beiden Lager nun wieder unversöhnlich gegenüber.

Die gemäßigte Opposition hatte gehofft, Amerika werde nach dem Sieg von Corazon Aquinos People’s Power auf den Philippinen, nach Washingtons Hilfe beim Sturz des haitianischen Diktators Duvalier auch in Südkorea auf Reformen drängen. Die Vereinigten Staaten haben jedoch bisher den harten Kurs des Regimes unterstützt. Als Außenminister Shultz das Land im Mai besuchte, pries er die Amtsführung des Präsidenten und sparte nicht mit Vorwürfen an die Adresse einer „Opposition, die versucht, zur Gewalt anzustiften“.

Seoul ist in der Tat nicht Manila. Ein perfekt ausgebautes Sicherheits- und Spitzelsystem erstickt jedes Aufbegehren schon im Keim. Das Militär ist, anders als die einstige verluderte Marcos-Truppe, diszipliniert und straff geführt. Außerdem fehlt es an einer mächtigen Kirche, die der Opposition moralischen Rückhalt bieten könnte.

Doch auch in Südkorea läßt sich die Forderung nach mehr Demokratie auf Dauer nicht unterdrücken. Vor allem die Mittelschicht, die sich mit wachsendem wirtschaftlichen Wohlstand herausbildet, verlangt nach stärkerer politischer Teilhabe. In Scharen sind die Angehörigen dieser Schicht dem Regime bei der letzten Parlamentswahl davongelaufen.

Mit seiner Repression beschleunigt der Präsident eben jene Radikalisierung der Studenten, die er zu bekämpfen vorgibt. An den Universitäten geht der Ruf nach einem Ende des Chun-Regimes immer häufiger mit anti-amerikanischen Parolen einher. Für Chun Doo Hwan wird die Zeit knapp. Trotzdem bleibt das Regime, obwohl eigentlich zur zaghaften Liberalisierung entschlossen, unbeweglich.