Zeiten der politischen Rückbesinnung sind wohl schlechte Zeiten für Liedermacher und Rockbarden. Nicht, daß sie nichts mehr zu singen hätten, sie wären keine Profis, wenn ihnen je die Puste ausginge, aber man merkt doch, daß die Sing-Gründe nicht mehr so recht in der Luft liegen und also aus den eigenen Eingeweiden hergesucht sein wollen. Ohnmacht verleitet zur Selbstsucht, und die fällt je nach Stimmung und Charakter wehleidig oder aggressiv aus. Eine Zeit tiefsten Friedens, in der die Angst blüht, wird umschrieben, meist ohne treffenden sprachlichen oder musikalischen Ausdruck. Der Sound wird satter und breiter, und der verunsicherte Sänger darf sich dahinter verschanzen. Es gibt nicht einen, der Verlangen oder Liebe weckte zu dieser, unserer Frau Welt.

Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Konstantin Wecker – sie sind alle noch oder wieder da. Doch ihre neuen Schallplatten sind eher Erinnerungsstücke als Zeichen produktiven Wandels. „Wieder dahoam“ nennt Wecker seine Neueinspielung und resümiert sein Weiterkommen lakonisch: „Jetzt hab i dacht, i warst endlich gescheiter / Im Süden unterm Mandelbaum / Meditativ gesehn bringt oan des weiter / Der oide Blues jedoch der legt si kaum.“ Und so bluest er wieder wie einst, hängt sein schweres Herz an alles, was dazu geeignet scheint, den kranken Baum, die WAA und die fortsanierte Oma. Am genauesten bringt er seine zähe Melancholie in einem abstrakten Bild unter: Jemand liegt in einem Bett und sehnt sich ins Freie; was ihn da fesselt, bleibt ungewiß – die Justiz, eine Krankheit oder die eigene Mutlosigkeit.

Reinhard Mey ist endgültig im Biedermeier angekommen; Humor und Selbstironie, die einst seine Stärke waren, sind fast gänzlich der pastorenhaften Belehrung gewichen; seine Texte sind so vordergründig und prosaisch wie lange nicht, musikalisch rangiert er auf der Ebene poppiger Kinderlieder. Expressionen einer willentlich einfältigen Seele. In einem ausnahmsweise leichtfüßigen Song lobt er sich „ein Stück Musik von Hand gemacht“; so nur handgemacht ist seine Schallplatte „Alleingang“ aber auch nicht mehr. Was der angerockte Sound an Glätte und Gefälligkeit gewinnt, büßen seine Lieder an Nüchternheit ein. Das gefällige Arrangement wird als Mittel mißverstanden, jedweden Text gut zu verkaufen – eine Verpackungs-Ideologie, wie sie sich bei den meisten Liedermachern durchgesetzt hat.

Nicht mehr der Rote Stern, sondern sein blutendes Herz hat die „Liebeslieder“ Hannes Waders inspiriert. Mit entlarvender Aufrichtigkeit, die schmunzeln macht, aber auch sympathisch ist, beschreibt er seine Läuterung: „Hab oft in meinem Haß auf das Unrecht versäumt / was schön war zu sehn und mir selbst viel genommen, / und für was soll der kämpfen, der das Leben / nicht liebt und nicht träumt?“ Ist da jemand, dem man es vielleicht am allerwenigsten zugetraut hätte, bereit, Entscheidendes dazuzulernen? Leider ist das poetische Resultat der „Besinnung“ dürftiger als das der „Besinnungslosigkeit“ je war: „Lange ging ich durch mein Leben, / mühsam tastend, fast wie blind, / und nur selten nahm ich wahr, / wie die Dinge wirklich sind.“ Seine rockigen Songs klingen satt und bieder und könnten auch von Roger Whittaker stammen, wären sie nicht so hilflos am Text entlanggesungen.

Mit der dünnen Stimme eines Greises singt Franz Josef Degenhardt von den jungen Paaren auf den Bänken, die sich noch lieben, noch schmusen; diese ganze Schallplatte mit Brassens-Chansons lebt vom Noch, vom wehmütigen, auch selbstironischen Eingeständnis des Alters. Das bekommt den Chansons nicht schlecht, die Degenhardt schön französelnd eingedeutscht hat (und sogar mit französischem Akzent singt), er gibt ihnen einen Ton aus überlegener Altersweisheit und verhaltener Melancholie. Politik? Ins Lied vom „Gorilla“ baut er ein paar kleine Spitzen ein, sie würzen das Chanson, nicht umgekehrt.

Auch Wolf Biermann lernt gern bei den Franzosen und gewinnt in seinen neuen Texten ein Stück Freiheit dazu, wenn er sagt, sich nie mehr politisch festlegen lassen zu wollen. Die neue Doppel-Langspielplatte „Seelengeld“ sprüht und funkelt von poetischer Energie; man höre sich nur seine deutsche Fassung der alten französischen Ballade vom Sterben des Königs Renaud an – und man weiß, daß Biermann nicht vergebens so oft Und lange in Paris gelebt hat: Das ist in jeder Hinsicht gereifte Form, und siehe da, es ist ergreifend.

In Deutschland, genauer: in Bayern besser verwurzelt und deshalb des sehnsüchtigen Blicks über die Grenze nicht bedürftig’sind die „Guglhupfa“, sie treffen in ihren Liedern – zumindest für einen Nicht-Bayern – genau den volkstümlichen Ton ihrer Heimat und ironisieren ihn ganz behutsam durch ein kleines Zuviel an Biederkeit und rechtschaffenem Timbre. Ihre Texte sind satirisch aus dem sicheren Winkel bewußter Naivität, und reiben sich, wo sie nicht allzu hausbacken sind, aufs köstlichste mit der frommen Musi. Zu den Klängen von Hackbrett, Knopfakkordeon, Bandura, Tuba, Klarinette trällern sie solche bitter-komischen Sätze: „A Schäferhund beißt mir ins Wadl. / A Polizist der packt mei Madl. / Sogar mim Gas kemmas daher. / Lena huif! / I siech nix mehr!“ Aus ihrem Winkel singen sie gegen eine böse Welt an, die’s auf ihre Bäume und ihren Waldesfrieden abgesehen hat. Aber sie machen sich mit ihrem sturen Humor auch über die eigene Winkelhaftigkeit lustig, und das ist sehr wohltuend. Das Lied vom „Tohuwabohu“ gab der Schallplatte den Titel; offenbar in Anlehnung an Jakob van Hoddis’ „Weltende“ werden allerart absonderliche Vor- und Zufälle aufgezählt, hier allerdings ländlicher Art – und es wird eine Erklärung der allgemeinen Verunsicherung mitgeliefert: „De Leit san jetzt ganz verschreckt / des Deifeswerk is net perfekt / de Kühlanlagen san defekt / Na so was!“ Hier hat die bayerische Winkelspoesie der „Guglhupfa“ offenbare Grenzen.